Mittwoch, 26. April 2006

Fast die Arche

Geschrieben am 24. April 2006 in Santiago (Chile):

Dieser Eintrag ist eine kleine Reminiszenz an all die Tiere, die ich mich aufmachte zu sehen und nicht sah und eine kleine nachträgliche Rechtfertigung für die Mühen, die ich dafür auf mich nahm. Stellvertretend für die Schwänzer des Touristenprogramms, zeige ich hier einige Bilder derjenigen Tiere, die sich - mal mehr, mal weniger pflichtbewusst - für ein Foto zur Verfügung hielten.

Von so seltenen und manchmal auch gleichzeitig scheuen oder gar nachtaktiven Gesellen, wie den Maras, einer putzigen Mischung aus Reh und Hase, den Pudús, dem kleinsten Wild der Welt, dem fast ausgestorbenen Huemul oder dem berüchtigten Puma, will ich ja gar nicht erst anfangen. Die folgenden Geschichten gelten derjenigen Fauna, die „normalerweise“ zu sehen ist, doch das Glück ihr zu begegnen mir einfach nicht vergönnt war.

Die erste Erfahrung dieser Art ereignete sich im bolivianischen Dschungel. Höhepunkt der organisierten dreitägigen Tour durch die dichte Pampa zwischen den zahlreichen Seitenarmen des Amazonas sollte, sie sein, die Anakonda! Sie ist eine der größten Würgeschlangen der Welt und kann bis zu neun Meter lang und 150 Kilo schwer werden. Ihre Beute, Säugetiere und Vögel, erdrückt oder zerquetscht sie mit ihrem Körperchen so zu appetitlichen Häppchen. Sie zu finden zogen wir also begleitet von einem bolivianischen Führer los. Über 30 Grad, strömender Regen und eine nicht allzu atmungsaktive Regenbekleidung machten den über zweistündigen Marsch durch mannshohes Gras, überschwemmte Wiesen und Sumpflandschaften nicht weniger abenteuerlich. Irgendwann, schon unzählige Male hätte ich meine Gummistiefel um ein Haar nicht mehr aus dem Morast ziehen können, erreichten wir eine Lagune, die die ultimative Heimstätte der Anakonda sein sollte. Schon auf dem Weg stach unser Guide mit seinem riesigen Wanderstock eifrig in die üppige Vegetation, um Anakonda aufzustöbern. Aber, so erklärte er uns, bei Regen verkröche sie sich. Dennoch ließ er uns am Ufer der Lagune zurück und verschwand mitsamt seiner Kleidung in selbiger, um Anakoda abzuholen. Wir warteten und warteten, eine halbe Stunde verstrich, eine Stunde wurde voll und wir warteten. Langsam begann ich mich ein wenig zu langweilen und verließ unseren Rastplatz, um zur Abwechslung einen Blick hinter die Büsche, die uns umgaben, zu werfen. Doch was mich dort erwartete ließ mir den Atem stocken: Alligatorhäute und –gerippe, daneben eine menschliche Hose und Schuhe. Alligatorfrühstück? Menschenfrühstück? Aus einer gewissen Distanz vom Boot aus, konnte ich mit unseren sauropsiden Freunden ja ganz gut, aber so unmittelbar… und was, wenn jetzt einer direkt vor mir auftauchen würde? Das wäre mir ganz sicher nicht recht gewesen! Rasch setzte ich die anderen über meinen Fund in Kenntnis und eine gewisse Aufregung befiehl unsere ansonsten sehr entspannte, kleine Reisegruppe. Und wo blieb überhaupt der Guide? Mittlerweile waren schon zwei Stunden ohne ein Zeichen von ihm oder der Anakonda verstrichen. Tendenzen zur Meuterei zeigten sich; der Portugiese wollte den Rückweg alleine finden, wenn unser Führer in einer Viertelstunde nicht wieder auftauchen würde. Immerhin sei ja auch Zeit für das Mittagessen. Ich fand das gar keine gute Idee und zeigte mich entschlossen zu bleiben wo ich war, bis der Guide wieder auftauchen würde. Wahrscheinlich, so mutmaßte ich, ist er auf eine Chicha in einem Eingeborenendörfchen eingekehrt und macht mit dem Wirt gerade derbe Touristenwitze. Meine These fand allgemeinen Zuspruch und so warteten wir dann auch nicht mehr lange, bis der Bolivianer aus dem Dickicht, das den See umgab wieder auftauchte – ohne Anakonda versteht sich.

Zwar befand ich mich nicht auf Rachefeldzug für ein fehlendes Bein, aber sicherlich stand ich Kapitän Ahab in Punkto „Eifer bei der Walsuche“ in nichts nach. Einen halben Tag lang stand ich beharrlich an der Steilküste der Peninsula Valdés im Süden Argentiniens und spähte und spähte. Neben mir befand sich sogar ein Posten, indem professionelle Walbeobachter jeden Tag den ganzen, lieben, langen Tag stehen und spähen und spähen. Denn immerhin war im März, als ich dort war, Hochsaison für Orkas. Am Unterstand der Professionellen war auf einer Tafel verzeichnet, wann und in welcher Entfernung die Killerwale das letzte Mal gesichtet worden waren: Gestern, 8.15Uhr, sehr, sehr weit draußen. Ah ja. Der Tag war wunderbar, ein strahlender Himmel, unten am Strand sonnten sich die Seelöwen und –hunde, ein Piche (heißt das im Deutschen vielleicht Gürteltier? Bitte um Zuschriften!) lief ein wenig verwirrt über den Parkplatz, Möwen kreischten, das Meer war von einem unfassbar intensiven Blau und eine leichte Briese wehte von Westen. Was hätten nur ein paar Orkas am Horizont, aber gerne auch dichter, die Szenerie vervollständigt! Voll Sehnsucht ließ ich Stunde um Stunde meinen Blick über das Meer schweifen, um nicht irgendwo eine Schwanzflosse oder auch nur ein Fontänchen zu entdecken. Aber irgendwann hieß es dann doch „Abfahrt!“ und auch das Paar, das schon seit elf Tagen kam, um die Säuger zu sehen, musste wieder einmal unverrichteter Dinge mit dem Bus in die eine Stunde entfernte, einzige Siedlung der Halbinsel zurück fahren. Tja, das hat man nun davon: da entlässt man Willy und seine feinen Freunde einmal in die Freiheit und hast du nicht gesehen, hast du sie nicht mehr gesehen!
Dejá-Vu in Chile: tapfer erklimmt eine andere kleine Reisegruppe die Steilküste auf der Insel Chiloé. So kurz vor Ostern ist der Wind herbstlich, die See rau und der Himmel trägt einheitsgrau. Unten am Strand wohnen ein paar Fischer in Hütten. Sie leben hauptsächlich davon, nach Meeresfrüchten zu tauchen und verdienen sich etwas hinzu, indem sie Touristen in Nussschälchen zu einer nahe gelegenen Pinguinkolonie schippern. Auf Chiloé scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Als wir den ein wenig großspurig als „Aussichtspunkt“ titulierten Acker am Rande der Klippen erreicht hatten, begann wir zu spähen und zu spähen und zu spähen, mit Fernglas, ohne Fernglas und dann wieder mit Fernglas. Nichts, während uns der Fischer mit Geschichten über die chilotische Mythologie und seinen Alltag unterhält und ich mir denke, dass die Wale wohl schlichtweg von Millalobo, dem Herrscher des Meeres in einen anderen Teil des Archipels befohlen worden sind, um die Wasserwelt gegen die mächtige Herrscherin des Landes Ténten-Vilu zu verteidigen.

Meister Bockert hingegen, der in Deutschland, gehegt, gepflegt und geschützt wird, gilt in anderen Teilen der Erde, wie der Insel Navarino, als Plage, die alle Vegetation kurz und klein nagt, die ihm zwischen seine aparten Schneidezähne kommt. Der aus Nordamerika „eingeschleppte“ Castor Canadensis fand auf den wasser- und baumreichen Inseln Feuerlands so etwas wie ein Schlaraffenland vor, das er nun großräumig und hemmungslos verwohnt. Wer denkt, dass es da nicht weiter schwer sein wird, einen dieser Gesellen aufzutreiben, der hat weit gefehlt! Durch einen ungewollten Zufall, kam es, dass ich mich allein in die insulare Wildnis aufmachte, um auf Bibersuche zu gehen. Und Wildnis, das meint am vermeintlichen Ende der Welt, eine echte, taubmachende Wildnis. Kein kultivierter Wald, kein Parkplatz, keine Spaziergänger und der vom Regen überschwemmte, teilweise unpassierbare Weg endete irgendwann im Nichts und das Nichts wurde undurchdringlich. Mir war unheimlich, denn wer weiß, was hier außer dem Biber nicht noch alles herum kraucht und dann bestünde da noch die Möglichkeit, dass sich der Biber in diesem Paradies unbemerkt wieder zu seinem bärgroßen, urzeitlichen Vorgänger zurück evolutioniert hat. Zudem regnete es in Strömen und das Pfützenwasser kroch mir die Hosenbeine hoch. Nur ab und zu erhellten einige Sonnenstrahlen, von Regenbögen begleitet, das grüne Dickicht. Tröstlicherweise begleitete mich auf meiner Wanderung ein Hund der Militärstation, die ich am Ortsausgang von Puerto Williams passiert hatte. Ohne ihn hätte ich wohl schon nach einigen hundert Metern wieder Kehrt gemacht. Doch der Hund und ich, wir sprachen uns gegenseitig Mut zu und so drangen wir immer weiter gen Heimstätte des Nagers vor, ohne überhaupt zu wissen, wo diese Lagune genau lag. Nach gut anderthalb Stunden erreichte ich eine Anhöhe, von der aus ich sah, dass sich direkt unter mir ein Gewässer befand, das ich ohne Zweifel als Fluss identifizierte. Da mir weder das Erreichen des Ufers, noch das Überwinden des Flusses als ohne weiteres möglich erschien, schoss ich noch ein paar Fotos und machte mich auf den Rückweg. Meine Abenteuerlust war an dieser Stelle ohnehin schon voll und ganz befriedigt worden. Am Abend dann zeigte ich unserem Wirt die Fotos des Tages und er versicherte mir, dass mein „Fluss“ sehr wohl die Biberlagune gewesen sei, nicht ohne seine Verwunderung darüber zum Ausdruck zu bringen, dass ich bis dorthin alleine gegangen war. Doch selbst wenn ich gewusst hätte, dass der „Fluss“ die Lagune gewesen war, so hätte ich es bestimmt nicht über mein Herz gebracht, an diesem verlassenen Ort auszuharren, um auf die Verwandtschaft von Ratten zu warten. Aber, auch ohne Biber hatte ich meinen Spaß!

Bis zum heutigen Tage ungeklärt bleibt, ob ich einen Kondor gesehen habe oder „nur“ eine andere Geierart. Ebenfalls offen bleibt die Albatrosfrage. Ich bin mir sicher einen Albatros gesehen zu haben, während Susann der Überzeugung ist, es hätte sich „nur“ um eine sehr, sehr große Möwe gehandelt. Auch das Argument, dass eine echte Deern auf Reisen wohl eine Möwe von einem Albatros unterscheiden kann, hat sie bislang noch nicht überzeugen können. Und dann wären da noch die Tiere, die ich zwar gesehen habe, aber die sich beim besten Willen nicht fotografieren lassen wollten. Doch das ist wieder eine andere Geschichte…

Dienstag, 18. April 2006

Von einer die auszog...

Geschrieben am 17. April 2006 in Santiago (Chile):

Die Frage „Was machst du eigentlich hier in Südamerika?“ oder „Was machst Du eigentlich da drüben in Südamerika?“ veranlasst mich, an dieser Stelle noch einmal die Rahmenhandlung zu erzählen:

Am 1. September 2005 stieg ich zusammen mit meinem ASA-Projektpartner Florian in Frankfurt in ein Flugzeug, das uns mit einem Zwischenstop in Atlanta nach Lima/Peru brachte. Die nächsten beiden Wochen reisten wir gemeinsam über Ayacucho, Cuzco, Machu Pichu und Puno am Titicacasee nach La Paz (s. Tagebucheinträge bis einschließlich „3,8 km dichter am Himmel“).

In La Paz arbeiteten Florian und ich bei einer Nichtregierungsorganisation, die hauptsächlich politische Aufklärungsarbeit im Bereich Gesundheit und Menschenrechte leistet. Für dieses dreimonatige Projekt sind wir von der deutschen Organisation ASA ausgesucht worden und hatten uns auf den beiden je einwöchigen Vorbereitungsseminaren kennen gelernt. In La Paz entwickelten wir Informationsmaterial, organisierten und leiteten einen Workshop mit Jugendlichen und beteiligten uns an der laufenden Arbeit der bolivianischen Organisation. Eine Zahnoperation mit vorhergegangener, wochenlanger Wurzelbehandlung ließ mich auch ganz persönliche Erfahrungen mit dem bolivianischen Gesundheitssystem sammeln. Allerdings gilt hier ebenso: mit Geld ist die beste Behandlung, die gleichzeitig die beste Zahnbehandlung war, die mir je zuteil kam, zu haben. Trotz Arbeit und Krankheit blieb mir noch ausreichend Zeit um Land und Leute zu erkunden (s. Einträge „Se busca departamento“, „Alltag“, „Bolivia“ und „Workshop“).

Mitte Dezember dann, war meine Zeit in Bolivien beendet und auch Florian flog zurück nach Deutschland. Über die Grenze mit Peru reiste ich nun, zunächst allein, nach Chile ein. Ein paar Tage verbrachte ich in Arica, um dann eine Woche lang in Iquique zum Surfen hängen zu bleiben. In Windeseile besuchte ich noch die Kupfermiene Cuquicamata und das Dörfchen San Pedro in der Atacamawüste, bevor mich eine 24-stündige Busfahrt kurz vor Weihnachten in die versmogte 5-Millionen-Stadt Santiago de Chile brachte. Hier wohnte ich insgesamt zwei Monate bei Susann und Claudia. Die beiden arbeiten ebenfalls in einem ASA-Projekt; als Physio- und Ergotherapeutinnen in einem Armenviertel, in dem wir auch lebten. Diese zwei Monate in der „Fünften Schönen“ waren unterbrochen von Sylvester in Valparaiso und meinem Aufenthalt in dem Küstenort Pichilemu, wo ich aufgrund einer Entzündung im Oberschenkel, die ich mir nach einer knappen Woche zugezogen hatte, alle sechs Stunden im örtlichen Krankenhaus ambulant behandelt werden musste. Als ich nach beinahe drei Wochen immer noch medizinischer Betreuung bedürftig war (aber nicht mehr ganz so häufig) und klar war, dass ich zunächst meine Reise nicht würde fortsetzen können, kehrte ich zu Susann, Claudia und zu unserer chilenischen Vermieterin Gabi nach Santiago zurück. Von dort aus brach ich am 10. Februar, gemeinsam mit Susann, zu unserer über vierwöchigen Reise nach Patagonien auf. Unsere Stationen: Puerto Montt, mit dem Schiff durch die chilenischen Fjorde nach Puerto Natales, Punta Arenas, Ushuaia, Puerto Williams, Calafate, Penisula Valdés, Esquel, Bariloche, Mendoza und zurück nach Santiago. Dort angekommen war und bin ich nach wie vor, sehr zufrieden damit, mich der Sesshaftigkeit hinzugeben, die die letzten zwei Wochen nur von einem Abstecher in die Seenregion mit meiner Mutter, unterbrochen wurde. Jetzt lebe ich in einer sehr netten WG in einem guten und zentral gelegenen Viertel, zusammen mit einer finnischen Studentin und einem chilenischen Informatiker, der mir gemeinsam mit seinem Bruder, einem Architekten, geduldig alle meine Fragen zu Chile beantwortet (siehe alle übrigen und noch folgenden Einträge).

Am 1. Mai dann, wird mein zweimonatiges Praktikum im Goethe-Institut beginnen. Dort werde ich sowohl in der Pressestelle, als auch in der Programmabteilung, die den Austausch von Künstlern organisiert, mitarbeiten. Am 10. Juli 2006 werde ich dann voraussichtlich wieder in Hamburg sein. So wie ich es jetzt beurteile, mit mindestens anderthalb weinenden Augen.

P.S.: Alle älteren Einträge sind über die Leiste "Previous Post" auf der rechten Seite zu erreichen. Um einen noch älteren Eintrag, als den letzten angezeigten zu sehen, einfach auf diesen letzten klicken und die vorangegangenen erscheinen. Da ich mit meiner Seite umgezogen bin, um das Layout zu wechseln, stimmt die zeitliche Einordnung im Archiv leider nicht mehr.

Dienstag, 4. April 2006

Das Ende der Welt

Geschrieben am 20. März 2005 in Santiago (Chile):

Das Ende der Welt, darüber ist man sich einig, das ist Kap Hoorn. Die mystische Anziehungskraft der Insel ist so groß, dass auf einer Party inmitten der patagonischen Fjorde, als sich zu fortgeschrittener Stunde herumgesprochen hatte, dass es mein erklärtes Ziel sei dorthin zu gelangen, mit einmal alle den gleichen Plan hegten: Kap Hoorn, der Inselzipfel am Ende der Welt, auf ihm nichts weiter als ein Monument und ein Leuchtturm, bewohnt von einer dreiköpfigen Familie, in ihrem Heim ein Postämtchen, die Postkarte vom Ende der Welt, geheimnisumwobener Felsen und Schiffsfriedhof, Ringkampfarena der südlichen Ozeane, angefeuert von den Seelen zahlloser Seefahrer, die dort ihr Leben ließen, bis zum Südpol nichts als Meer und ewiges Eis, eines der großen Abenteuer dieser Erde und mein Traum! Nun, am nächsten Morgen freilich, reduzierte sich die Zahl der abenteuerlustigen Seefahrer dann wieder auf drei Personen, nämlich Susann, Corinne die schweizerische Weltreisende, die sich uns anschloss und mich. Aber – wie gelangt man eigentlich ans Ende der Welt? Sicher war nur, dass es keine Butterfahrt und auch kein gemächlicher Tagesausflug werden würde, denn in den meisten Reiseführern findet der Weg zum Kap keine Erwähnung und wenn doch, so liest man lediglich: „Ab Ushuaia gibt es die Möglichkeit eine Yacht zu chartern." Eine Yacht chartern? Das geht doch bestimmt auch günstiger, dachten wir uns und machten uns auf nach Ushuaia.

Ushuaia ist ein luxuriöses, malerisches Touristenstädtchen, so etwas wie das Kampen Argentiniens, wo wir uns sogleich auf die Suche begaben, zunächst ins Reisebüro. Kap Hoorn? Ja sicher gäbe es da etwas. Eine viertägige Kreuzfahrt auf der „Stella Maris" zu einem ganz günstigen Lastminute-Preis. Unsere Gesichter strahlten hoffnungsfroh um die Wette, jedoch nur, um sogleich einzufrieren: umgerechnet nur 1000,- Euro pro Person. Tja, danke schön und auf Wiedersehen! Unserer nächster Versuch dann war die Hafenmole, an der einige größere und kleinere Ausflugsboote lagen. Kap Hoorn? Nein, bis dahin sei man ja mindestens drei Tage unterwegs! Aber weiter unten am Yachthafen, dort könnten wir nachfragen. Also doch der Yachthafen, ich fühlte mich eindeutig underdressed, ordnete mein Haar und scherzte noch, dass ich für einen Besuch im Yachthafen aber erst mal meine sportlich-feminine Linie hervorzaubern müsste. Wenn ich wüsste! Doch erst einmal es ging zum Yachthafen, wo wir auf einen netten Herren trafen, der ein paar Telefonate führte und uns dann freudestrahlend seinen Erfolg verkündete: für nur 1200,- Euro pro Person könnten wir bereits übermorgen auf einen einwöchigen Segeltörn nach Kap Hoorn gehen. Und gäbe es da auch noch eine günstigere Variante? Nein, davon wüsste er nichts, aber auf dem Steg dort sollten wir es doch mal probieren. Und tatsächlich, ein junger und ganz bodenständig wirkender Yachtbesitzer gab uns zwei Telefonnummern: Lolo und Luis sollten wir anrufen, die würden in den nächsten Tagen zum Kap auslaufen. Voll Euphorie rannten wir ins nächste Callcenter!Lolos Nummer gewählt, Lolo antwortet, Lolo unser Anliegen vorgetragen.
„1500,- U.S. Dollar pro Person", sagte Lolo. Macht nichts, blieb ja immer noch Luis.
Und was sagte der?
„1500,- U.S.Dollar pro Person."
„Unmöglich", sagte ich. „Wir sind doch Studenten, kennen Sie nicht noch eine günstigere Möglichkeit?"
„Naja", erwiederte Luis. „In welchem Hotel wohnst Du denn, wir treffen uns dann dort."
Ich verstehe nicht ganz: „Und dann wissen Sie mehr oder wie?"
„Ja genau", schnurrte Luis. „Dann sehen wir mal welche günstigen Möglichkeiten es so gibt."
Moment, stutzte ich, günstige Möglichkeit im Hotel? Nein danke! Abenteuerlust muss auch Grenzen haben.

Ein wenig angewidert und ernüchtert verlassen wir am nächsten Morgen Ushuaia, um im benachbarten, chilenischen Puerto Williams noch einmal unser Glück zu suchen. Puerto Williams ist ein kleines, unschuldiges 2300 Seelen-Dörfchen auf der Insel Navarino, mit höchstwahrscheinlich nicht mehr als 15-20 Touristen. Keine Reisebüros, keine Hafenmole, kein Yachthafen und außer ein paar Häuschen, die mit gemütlichen Holzöfen beheizt werden, drei winzigen Tante-Emma-Läden und einer Militärbasis nichts weiter als unberührter Natur: Berge, Wälder, Flüsse, Lagunen, Wasserfälle, der Bieber und eine gespenstische Stille. Jeder Spaziergang außerhalb des Örtchens gerät zum Abenteuer. Die Menschen sind offen und scheinen sich über jede Abwechslung zu freuen. Wer nicht beim Militär ist, der lebt hier vom Fischfang. Fischerboote! Die Erfüllung meines Traums vom romantischen Seemannsabenteuer zum Ende der Welt schien zum Greifen nah zu sein. Kap Hoorn…ja…im Januar, wenn sich das Fischen nicht lohnt, da würde man immer mal wieder einen Fischer finden, der bereit sei zum Kap zu fahren. Aber jetzt im Februar seien alle auf See, aussichtslos.

So ist für auf dieser Reise das Ende der Welt in Puerto Williams, der südlichsten Stadt der Welt, erreicht und diese Rolle hat es bestens erfüllt. Aber mein Traum vom Kap Hoorn, der bleibt!

Montag, 3. April 2006

Eis

Geschrieben am 9. März in Puerto Pirámides (Argentinien):

Eis hat viele Farben, die innerhalb des Spektrums von strahlend weiß, das bei Sonne in den Augen sticht, bis hin zu dunkelblau variieren. Eis, in der Größenordnung und gewaltigen Schönheit der Gletscher des südpatagonischen Eisfeldes, das 350km lang ist, deren Oberfläche 13.000km² mißt und zusammen mit dem nordpatagonischen Eisfeld, nach der Antarktis und Grönland die drittgrößte Eismasse der Welt ist, ist faszinierend.

Der Wind bläßt scharf, der Himmel ist von einem bedrohlichen Grau und immer wieder regnet es, als die "Puerto Eden" auf ihrer Reise durch die chilenischen Fjorde eine Landzunge umschifft, die bis dahin den Blick auf den Gletscher Pio XI. verborgen hatte. Der Augenblick ist erhebend, mystisch, die Maschinen wurden abgestellt und in feierlicher Stille bestaunen alle das eiszeitliche Relikt, deren Zungenspitze sich vor uns erstreckt. Unser Schiff gibt immer wieder tutende Grußsalven von sich, die der Gletscher mit einem Echo aus dem Mark seiner Einsamkeit erwiedert. Nach einer Weile bahnen sich, einer Gotteserfahrung gleich, einige Sonnenstrahlen ihren Weg durch die dicke Wolkendecke und Pio XI. wird zur Bühne eines majestätischen Schauspiels von Licht und Schatten. Zwischen den Bergen zu unserer Rechten steigt ein Regenbogen auf.

Die riesigen Zacken des argentinischen Perito Morenos dagegen heben sich scharf und kalt gegen den strahlend blauen Himmel oder die dunklen, bewaldeten Berge ab. Es ist warm, beinahe T-Shirt-Wetter, denn der Gletscher liegt auf nur 185m Höhe und es ist Sommer, der selbst in Patagonien sehr warm werden kann. Perito Morno ist gesund. Tag für Tag wächst er einige Zentimeter, bis er, so scherzt unser Führer, die Erde umrundet haben wird. Seine Einzigartigkeit besteht darin, dass er 1947 den "Canal de los Tempanos", Teil des Sees "Argentino", überschritt und die Halbinsel "Magallanes" erreichte. So ist der Gletscher heute ein natürlicher Deich, der den See in zwei Hälften teilt und deren Wasserpegel Höhenunterschiede bis zu 20m erreichen. Alle drei bis vier Jahre entlädt sich dieser Druck, indem der Gletscher an dieser Stelle bricht. Der Anblick des wachsenden Gletschers ist gigantisch: Von der Halbinsel aus beobachten wir die 5km lange Front, von der immer wieder riesiege Eisblöcke, von einem ohrenbetäubenden Knall begleitet, abbrechen und bis zu 60m in die Tiefe stürzen, auf der Wasseroberfläche aufprallen und zur Eisscholle werden. Bei diesem Spektakel ist es kaum zu glauben, dass wir auf dem gegenüberliegenden Naturwunder eine Wanderung unternehmen sollen. Doch tatsächlich bringt uns ein Boot entlang der nördlichen Gletscherseite ans andere Seeufer. Noch eine gute halbe Stunde wandern wir durch einen Wald, bis wir den Rand des Gletschers erreichen, wo uns Steigeisen und Handschuhe angezogen werden. Über eine kleine Brücke, unter der das Schmelzwasser in Richtung See abfließt, steigen wir auf den Gletscher. Die Führer geben uns noch eine kurze Lektion in "Gebrauch von Steigeisen und Sicherheit im Gletscher" und dann geht es auch schon hinein in das Gebirge aus messerscharfen Eisspitzen, deren Kanten Finger kappen können. Nach einer kurzen Gewöhnungsphase fühle ich mich mit den Steigeisen wie Spiderman: nie gerate ich ins Rutschen, wo auch ich auch hintrete! Immer wieder passieren wir tiefe, mit Wasser gefüllte Gletscherspalten, deren Farbintensivität sich selbst der kreativste Designer nicht hätte erdenken können. Berauscht von Form und Farbe durchlaufen wir in zwei Stunden einen Teil des Gletscher, der in etwa einem Schokostreusel auf einer großen Portion Zitroneneis entspricht oder einem einzigen Eiskristall auf dem frisch geschlagenen Eis in meinem Glas mit "Whiskey on the Rocks", der uns zur allgemeinen Überraschung mitten im Gletscher serviert wurde. So wurde Eis schlußendlich doch wieder zu dem relativiert, was es für mich bis dato immer bedeutet hatte.

Nachtrag am 13.3.2006 in San Carlos de Bariloche:
"Man kann nie wissen, wann der Deich brechen wird", erklaerte die Reiseleiterin. "Heute, morgen, naechsten Monat oder in einem Jahr.".
Seit fuenf Stunden uebertraegt das argentinische Fernsehen live den Zusammenbruch des Gletscherdeichs. Was fuer ein Spektakel!

Perlusa

Geschrieben am 07. März 2006 in Puerto Pirámides (Argentinien):

Wie zu erwarten war, wimmelt es auf meinem Weg vor Straßenhunden. Oder um ein Lehrerehepaar, das auf einer zwölfstuendigen Busreise einmal vor uns saß zu zitieren:
"Ach! Hier gibt es ja also wirklich viele Hunde!"
"Ja genau! Da könnte man doch glatt ein Hundebuch schreiben (mit verstellter Stimme): `Also ich gehe jetzt in die Stadt. Ist mir doch egal was die anderen machen…´".

Susann und ich warten an der Hafenmole von Ushuaia auf unsere schweizer Mitreisende. Als ich einen Apfel aus einer laut raschelnden Plastiktüte hole, steckt auch sofort eine Hundenase darin. Eigentlich füttere ich keine Hunde, aber da mir diese Schnauze doch so sympathisch und mir langweilig war, biete ich Apfel an. Nach kurzem Beschnuppern wird der Apfel, da wohl weniger appetitlich, links liegen gelassen. Mein guter Wille wird aber sofort mit der Hundeschnauze auf meinem Schoß und einem Blick, der Gletscher schmelzen könnte, gewürdigt. Eine Familie setzt sich neben uns und beginnt nach einer Weile den Hund mit echten Leckereien (Wurstbrötchen!) zu versorgen. Zu meinem Erstaunen aber, wird die Kinderschar mit den Delikatessen in den Händen plötzlich uninteressant, als wir aufstehen und losgehen. Die Hundedame folgt, setzt sich brav, wenn wir stehenbleiben, um einen Augenblick lang die Aussicht zu genießen (angeberisch rufe ich dann: "Sitz!") und wartet sogar – ganz wohlerzogener Hund – vor allen Geschäften auf uns.

Ganz offensichtlich zeigt sich der Vierbeiner von seiner besten Seite. Sie sucht Anschluß. Und so süß! Gibt es nicht eine Möglichkeit sie mitzunehmen? Nein, Busfahren, Schifffahren, Hostals und all das, das geht nicht. "Wäre das jetzt schön, wenn wir herausfinden würden, dass sie einen Besitzer hat", wirft Susann in unsere Bemühungen ein, unser Herz nicht weiter den Hund zu verlieren.

Als zwei fesche Rüden unseren Weg kreuzen, waren diese dann doch attraktiver als wir Menschen und der junge Hüpfer macht uns den Abschied leicht und jagt davon.

Nach einem ereignisreichen Tag kehren wir in unser Hostal zurück. "Guck mal!", ruft Susann und, es ist kaum zu glauben, liegt dort nach einem ereignisreichen Tag zufrieden schlafend unsere Freundin im Flur! Es gibt ein großes Hallo: Ja, sie gehöre dem Rezeptionisten und heiße Perlusa. Na sicher wüßte der, dass Perlusa den ganzen Tag im Zentrum war. Das mache sie immer, liefe den Touristen hinterher. Ein wenig verrückt sei sie halt.

Am nächsten Morgen brechen wir auf. Perlusa leistet uns noch beim Frühstück Gesellschaft und geleitet uns bis zur Hafenmole, an der unser Schiff nach Puerto Navarino ablegen wird. Dann kreuzen zwei fesche Rüden Perlusas Weg und sie jagt davon.


Ende gut, alles gut!

Chile: Zu Wasser, an Land und in der Luft

Geschrieben am 27. Februar 2006 in Puerto Williams (Chile):

Chile ist durchquert: Von der Wüste im Norden, über die kargen Weinberge in der Mitte des Landes und die Seenregion bis zu den patagonischen Eisfeldern, den Vorboten der chilenischen Antarktis, von Chiles nördlichster Stadt Arica über das stickige Santiago bis hin zu Chiles südlichster und damit auch der südlichsten Stadt der Welt, Puerto Williams, habe ich mich den Streifen am Rande des lateinamerikanischen Kontinents - mal schneller, mal langsamer - hinabgelassen. Ich habe Vulkane gesehen und mich von der Südsommersonne verbrennen lassen. Ich habe die ungewöhnlichsten Wolkenformationen gesehen, ich bin gegen pazifische Wellen angetreten und habe Gletscher bestaunt. Ich soll erlebt haben, wie die Erde bebte, habe unter Bäumen gepicknickt und Staub geschluckt. Ich habe die sauberste und die zweit verschmutzteste Luft der Welt geatmet.

***

Behäbig schiebt sich das Passagierschiff "Puerto Eden" durch eine behäbige Landschaft. Zur linken und zur rechten der patagonischen Fjorde, durch die wir fahren, ragen beklemmend hohe, runde und bewaldete Hügel in die Höhe. Die bizarren Wolken sind regungslos und hängen tief. Manchmal, so befürchte ich, fehlt nicht viel, bis sie sich mit einem dumpfen Aufprall zischend im eiskalten Wasser auflösen würden. Die Stille ist überwältigend. Um uns herum befindet sich in einem Radius von mehreren hundert Kilometern nichts weiter als menschenleere Natur, die absolute Wildness: Urwälder, Eisfelder, der Puma, Lamas, Kondore. Von Zeit zu Zeit reißt ein Wasserfall seine Schneiße durch das dichte Grün der Berge. Alles ist groß. Auf einmal hallt ein Aufschrei von den Bergen wieder und Hektik breitet sich auf Deck aus: "Delfine!". Auch ich stürze an die Reling und tatsächlich, in einiger Entfernung springen Delfine aus dem Wasser. Sie bewegen sich immer weiter auf uns zu, bis sie den Buk erreicht haben. Ich habe es immer für ein Gerücht, ein Einzelphänomen gehalten, aber die Delfine begleiten unser Schiff tatsächlich ein Stück des Wegs, indem sie im schönsten Gleichmaß ihre Bögen im und über Wasser ziehen.

"Und hier willst du wirklich ins Wasser gehen?", fragt mich eine unbedarfte Stimme an meiner Seite. Der Himmel ist grau und es ist windig. In der Ferne spuckt der Pazifik meterhohe Wellen aus. Sie brechen und laufen aus und laufen und überschlagen sich, bis sie sich entweder am schwarzen Sandstrand verlieren oder am Ende der Bucht von Pichilemu gegen die Felsen schlagen. Das Risiko ist kalkuliert und außerdem gehe ich ja auch nicht alleine ins Wasser. Sobald die Felsen passiert sind und das Wasser ein wenig mehr als knietief ist, lege ich mich bäuchlinks auf das Surfbrett. Den Oberkörper in der Luft und den restlichen Körper auf dem Brett balancierend, paddele ich gegen die Strömung weiters aufs Meer hinaus. Noch ein paar Surfstunden mehr und ich werde Oberarme wie Meister Propper haben. Die erste in etwa eineinhalb Meter messende Welle kommt auf mich zu und der Adrenalinpegel steigt. Ich paddele noch zwei kräftige Züge Richtung Welle, dann halte ich das Brett an den Kanten fest und verlagere das Gewicht nach hinten, indem ich meinen Oberkörper noch weiter hochstemme. Die Welle schlägt mir entgegen und ich stehe beinahe senkrecht in der Luft. Für einen Augenblick drohe ich nach hinten über zu kippen, doch dann hat sich Welle auch schon unter mir hindurch geschoben und ich stürze in die Tiefe, bis ich wieder auf der Wasseroberfläche lande. Noch drei, vier solcher Wellen überquere ich und dann habe ich die Linie, an der die Wellen brechen, überwunden. Meine Arme sind bereits jetzt schwer wie Blei. Alle verschnaufen einen Augenblick und bestaunen aus sicherer Entfernung das Spektakel der Naturgewalt Welle, das rings um uns herum tobt. Nach einer Weile kommt auch auf der Geraden, auf der wir uns befinden eine wogende Wassermasse auf uns zu. "Die Welle kommt. Wenden und paddeln!", ruft der Surflehrer. Ich drehe, die Spitze des Brettes zeigt zum Strand und ich schaue über die Schulter zu, wie die Welle mich einholt. Kurz bevor sie mich erreicht, bricht sie. Ich paddele stärker, der mächtige Schaum ergreift mich, schubst mich an und schiebt mich vor sich her. Noch ein paar Züge und das Brett hat sich in der vollen Fahrt stabilisiert. Ich versuche mich hinzustellen, lande wieder nur auf den Knien, verliere das Gleichgewicht und falle ins Wasser. Die Massen reißen mich fort und die Welle gibt mich nicht wieder frei. Als ich endlich auftauchen kann, ringe ich nach Luft, ziehe mich wieder auf das Brett und beginne von vorne: paddeln gegen die Strömung und über die Wellen hinweg hinter die Linie gelangen, an der sie brechen. Eine halbe Stunde später nehme ich die zweite Welle, die so kräftig ist, dass sie mich sofort vom Brett katapultiert. Die dritte Welle erwische ich optimal und donnere mit ohrenbetäubender, gischtspritzender Geschwindigkeit in Richtung Strand. Je schneller das Brett, desto stabiler liegt es auf der Wasseroberfläche auf. "Jetzt!", denke ich, "jetzt werde ich mich aufstellen!". Doch meine Arme gehorchen mir nicht. Das Raufen mit den Wellen der letzten Stunden hat ihnen das letzte bißchen Kraft geraubt. Sie können meinen Oberkörper nicht mehr hochdrücken und also kann ich auch den kleinen Sprung auf beide Füße nicht folgen lassen. Mir klingen die Worte eines Surfers im Ohr: "Surfen, das ist zu 90 Prozent Geduld und Beharrlichkeit.".

***

Mit der lautlosen Eleganz eines Delfins unterbrechen die Pinguine ihren Tauchzug, um mit einem Sprung über die Wasseroberflaeche auf sich aufmerksam zu machen. Eine kleine Flutwelle gleitet auf das Ufer der Straße von Magellan zu. Als sie es erreicht hat, tauchen aus ihr sieben oder acht Magellan-Pinguine auf. Noch in fischähnlich liegender Schwimmposition liegen sie in der sanften Brandung und es scheint, als würden sie einen Augenblick lang stutzen; als seien sie überrascht über den plötzlichen Verlust ihrer anmutigen Bewegungsfreiheit. Doch schon rappeln sie sich wieder auf und stapfen tapfer - nach Pinguinmanier im Watschelschritt und Gänsemarsch - den Strand hinauf. Jetzt im Februar beginnt für die Küken die Schwimmschule. Ein besonders nervöser Erstklässler wirft sich bei jeder Regung ängstlich auf den Boden und wartet bis die vermeintliche Gefahr vorüber ist, während Mutti und Vati gelassen weiter tapsen, jedoch immer darauf bedacht, alle Schäfchen beisammen zu halten. Von der Landseite her kommt eine wesentlich größere Schar Pinguine auf uns zu. Sie verließen die rasende Eleganz ihres Reisebuses, um nun - nach Pinguinmanier im Watschelschritt und Gänsemarsch - das Ufer zu erreichen.

Im unterirdischen Metrosystem Santiagos ist es noch heißer und stickiger als in der hochsommerlichen Oberwelt. Allerding ist sie fein herausgeputzt, die Metro: die Wagons sind neu, von den Bahnsteigen könnte man essen und in jeder Station vertreibt ein Fernseher die recht kurze Wartezeit. Aus dem Schwarz des Tunnels ertönt ein Rattern, Scheinwerfer leuchten auf und die überfüllte Metro fährt in die Haltestelle ein. Schilder, deren Aufschrift darum bitten, erst aussteigen und dann einsteigen zu lassen, werden ignoriert. Es wird gedrängelt, geschubst und geschoben, bis die Metro wieder überfüllt ist, ein Signalton das Schließen der Türen ankündigt und der Zug davon rauscht. An der Station "Santa Lucía" quelle ich mit anderen Fahrgästen aus der Tür des Wagons und reihe mich in den Strom ein, der hinaus ins Freie will. Ebenso viele Seelen wie der Metroeingang im Begriff ist herauszuspucken, gelangen nun durch den Schlund in Richtung seiner Innereien; uns entgegen, auf Kollisionskurs. Es wird gerempelt, gedrängelt und geschubst. Wie die Kugel eines Flipperautomaten ziehe ich meine Bahn durch die Tunnel. Doch irgendwann geben Masse und Metro mich frei und ich finde mich an einer vierspurigen Straße wieder. Es ist laut und insbesondere der rege Busverkehr macht eine Unterhaltung an der Straße unmöglich. Zum Glück ist nach nur ein paar Schritten das rettende Oäschen erreicht: der Cerro Santa Lucía ist ein zwischen 1872 und 1875 zum Park umgbauter Hügel, mitten in der Innenstadt. Sandwege und in Stein gehauene, grobe Stufen führen gemähchlich den Hügel hinauf, bis nach einer Weile das oberste Aussichtstürmchen erreicht ist. Unter mir erstrecken sich die unendlichen Weiten der Stadt, die sich gen Süden im Horizont verliert. Nach Norden, Osten und Westen wird Santiagos Wildwuchs durch die schneebedeckten Berge in Schach gehalten. Die Berge sind, obwohl nicht weit entfernt, aufgrund des Nebels nicht klar erkennbar. Ich blicke hinauf in den Himmel. Er ist strahelnd blau, kein Wölkchen ist zu finden. Der Nebel ist kein Nebel.

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In etwa 35m Höhe schwebe ich über urwüchsigen, kaltem Regenwald. Der Wald sieht so aus, wie ich mir einen nordeuropäischen Wald vor 20.000 Jahren vorstellen würde: viele Bäume und Pflanzen haben ein vertrautes Äußeres, aber alles ist irgendwie größer, dichter, wilder! In die Krone eines Baumes wurde eine Plattform gebaut, auf der ich stehe. Ausgerüstet bin ich mit Sturzhelm und klobigen, ledernen Handschuhen. Mich sichert ein Klettergurt, der mittels einer Seilrolle an einem dicken Stahlseil befestigt ist, das von dem Baum, an dem ich mich befinde, über eine Distanz von mehr als 200m zu einem zweiten Baum gepannt wurde. Auf ein Zeichen hin springe ich von der Plattform und rase in irsinniger Höhe und Geschindigkeit auf die Plattform des nächsten Baumes zu. Hinweg über den Urwald, Baumkronen, Felsen und Gebirgsbäche fliege ich wie Tarzan an seiner Liane durch die Lüfte.

Es ist Nacht in der trockensten Wüste der Welt. Ich befinde mich, etwa eine halbe Autostunde von San Pedro de Atacama entfernt, im Garten eines französischen Astronoms. Wie jede Nacht in der Wüste, so ist auch diese sternenklar und kalt. Das leuchtende Mondlicht läßt die Vulkankette am Ende der Ebene erkennen. Noch schwirren die Eindrücke des Tages durch die Luft: der staubige Boden, die roten Berge und Vulkane, die braunen Lehmhütten San Pedros, die Wüstensonne, die alles gelb erstrahlen lässt am Tage, orange, wenn sie über Stunden sinkt und schließlich rot, wenn sie untergeht. Im Garten des Astronomen stehen fünf gewaltige Teleskope. Eifrig rennt der Franzose von Teleskop zu Teleskop und holt die Wunder des Himmels zu uns auf die Erde. Reihum bestaune ich die Himmelskörper in den Teleskopen. Bis zum Wahrnehmungsvermögen meiner Augen hinab ziehen die Linsen uralte Bilder durch das All, die Athmosphäre, die Luft: Nebel im Gürtel des Orions, die Milchstraße, Sirius, Sternenhaufen und Saturn. Der Raum verschwindet und der Mond ist plötzlich kein Trabant der Erde mehr, sondern eine große, grauleuchtende Kugel zwischen meinen Händen.

Die Fünfte Schöne

Geschrieben am 18. Januar 2006 in Pichilemu (Chile):

Über Chiles landschaftlichen Reichtum vergisst es sich schnell, dass es in diesem Land auch Armut gibt. Aber – wie fühlt sie sich eigentlich an, diese Armut?

Ich bin nicht arm. Wenn ich zuvor an Armut dachte, habe ich mir immer vorgestellt, dass die Tragik darin liegt, kein Geld zu haben, jeden Peso dreimal umdrehen zu müssen und sich nichts leisten zu können. Sobald Nahrung und Unterkunft vorhanden sind, so dachte ich, könne man sich doch wenigstens einigermaβen im Leben einrichten. Mittlerweile glaube ich, dass es nicht unmittelbar der Mangel an Geld ist, der das Armsein so grausam macht. Schlimmer ist die physische und psychische Bedrängung, die mit der Armut einhergeht.

Die Siedlung Quinta Bella (die „Fünfte Schöne") im Stadtteil Recoleta gehört nicht zu den ärmsten Vierteln Santiago de Chiles. Dennoch empfiehlt es sich nicht, nach Einbruch der Dunkelheit alleine durch die población zu spazieren. Ein Deutscher, der die Fünfte Schöne unbedarft betrachtet, würde wohl zu dem Schluss kommen, dass es sich hierbei um eine ausgebaute Schrebergartenkolonie handelt: Kleine, flache Lauben aus Holz, mit teils liebevoll gepflegten Gärten, säumen bereits geteerte Straßen und kleinere Passagen. Auf den ersten Blick ist die Siedlung eine kleinbürgerliche, etwas herunter gekommene Schönheit. Dass die Häuser, die nach außen hin so wohnlich aussehen, aus Platten verschiedensten Materials der Marke „Eigenbau" zusammengesetzt sind, sieht man erst bei einem Blick hinter die Fassaden. Dann erscheinen die Lauben oft nicht besser, als die Hütten eines Bauspielplatzes. Die Wände der eng verschachtelten Behausungen sind so dünn und unisoliert, dass ich die ersten Nächte dachte, Fremde seien in unser Haus eingedrungen, dabei handelte es sich lediglich um unsere Nachbarn ringsherum. Unser Lieblingsnachbar nutzt seine Nächte übrigens dazu, sich nach Herzenslust auszurotzen und auszurülpsen.

Das Haus von Gaby, in dem ich wohne, gehört zu den schönsten und größten der Siedlung, wie Gaby selbst berechtigterweise betont. Wir bewohnen augenblicklich zu sechst etwa 60m2, wobei der größte Raum, das Wohn- und Esszimmer, unbenutzt bleibt. Jetzt im Sommer spielt sich das Leben in der Küche, dem Hof, dem Bad, den beiden Schlafzimmern und dem Flur ab. Neben meinem steht noch ein weiteres Bett in jeweils einer Nische am Ende des Flurs. Dies bedeutet, dass ich außer dem viel frequentierten Klo keine Möglichkeit habe, mich in einen Raum mit Tür zurückzuziehen. Auch wenn ich mich einmal für einen Augenblick hinlege, dauert es zumeist keine fünf Minuten, bis irgendjemand – ohne anzuklopfen, wie auch! – angeschossen kommt: um mich etwas zu fragen, um mit mir zu reden oder um etwas aus dem Gemeinschaftsschrank zu holen, der sich ebenfalls in meiner Nische befindet. Die Flucht in einen inneren, vorübergehenden Autismus bleibt ebenfalls verwehrt, da die aufrichtig herzliche, liebenswerte und rührend fürsorgliche Gaby über einen nur allzu menschlichen Fehler verfügt: Sie redet vom Aufstehen bis zum Schlafengehen und das ohne Punkt und Komma. Ihre neuenjährige Enkelin Daniela, die während der Ferien bei ihrer abuelita wohnt, steht ihr da in nichts nach. Es ist schwierig, adäquat auf einen Wortschwall zu reagieren, von dem man zum einen, wegen des starken chilenischen Dialektes, nur die Hälfte verstanden hat und während man zum anderen sich gerade darauf konzentriert ein paar Sachen zusammenzupacken. Nicht selten ist es vorgekommen, dass bis zu drei Menschen gleichzeitig auf mich eingeredet haben, während ich eigentlich mit etwas ganz anderem beschäftigt war. Wo kann ich hier mal die Tür zu machen?! Die einzige Gelegenheit des Tages, ungestört zu sein, war während des Yogas. Denn eines hat Gaby verstanden: die komischen Verrenkungen, die ihre Mädchen dort im Hof machen, muß man in Stille absolvieren und streng ermahnt sie Daniela, uns nicht dabei zu stören! Die Nachbarschaft, von der Gaby bis auf Ausnahmen gar nichts hält („Diese Leute!"), denen sie dennoch mit furchtsamer, respektvoller Höflichkeit begegnet, kommentieren oft und gerne, was diese deutschen Gringas dort schon wieder hinter Señora Gabys Gartenzaun treiben. Peinlich genau achtet Gaby darauf, mit welchen Kindern ihre Enkelin spielt. Einige ältere Mädchen, Gangführerinnen, haben Daniela und ihre Großmutter beschimpft. Vor einigen Wochen ist ein Block weiter jemand erstochen worden.

Der Hauptumschlagsplatz für Drogen in der Quinta Bella befindet auf dem kleinen Pfad, der an der rechten Seite unseres ca. 30m2 messenden Hofs entlang führt. Mickrige, zittrige Gestalten warten dort auf den Kauf ihres nächsten Schußes, der oft direkt an Ort und Stelle verabreicht wird. Zu anderen Zeiten erwarten Dealer mit Markenklamotten und dicken Goldketten ihre Kundschaft. Am Wochenende fahren die reichen Kids in ihren blitzeblank polierten Jeeps und Pickups vor. Gaby hat Angst. Und wir beobachten durch die Gitterstäbe des Gartenzauns staunend das Spektakel, das uns dort geboten wird. Dann erscheint der Hof mit seinem Dach aus prallgefüllten Wein und seinen prächtigen Blumen wie eine unwirkliche Insel der sicheren Behaglichkeit im Ozean der Realität. Die Szenerie ist surrealistisch. Bis heute habe ich noch nicht herausgefunden, auf welcher Seite des Zauns sich eigentlich die Zootiere und auf welcher sich die Zoobesucher befanden.

Ab Einbruch der Dunkelheit, wenn sich die Hitze unter der Smoggglocke legt, bis tief in die Nacht hinein wird auf der Straße gesessen, gegessen, gelacht, gespielt, geredet, geschrien, gelebt. Drei verschiedene Basslinien, die aus drei verschiedenen Häusern dröhnen, kämpfen mit der Waffe der Lautstärke um die Vorherrschaft in der Fünften Schönen. Der Geschenkrenner für die lieben Kleinen, die zugleich Quelle und Anlaß jeder Menge Gebrülls sind, war dieses Jahr ein laut ratterndes Mini-Elektroauto, das beim Fahren Melodien mit dem Charme monophoner Handyklingeltöne von sich gibt. Um ein Uhr liege ich dann endlich in meinem Bett. Gegen den Lärm, der von der Straße durch die ungedämpften Pappwände bis zu mir in meine Flurnische dringt, kommen auch Oropax nicht an. Meine Muskeln sind angespannt, alle meine Sinne aufmerksam und mein Geist hellwach. Die Geräusche sind unübersichtlich, unbekannt und ungleichmäßig. Mein Körper ist fluchtbereit; jeden Moment könnte das Mammut über die nicht vorhandene Türschwelle kommen und mich angreifen. Der Schlaf wird leicht, kurz und von wirren Träumen begleitet sein. Morgen wird sich der Tag voller Anspannungen wiederholen. Und übermorgen und überübermorgen und...

Weil ich nicht arm bin, habe ich die Wahl und verlasse die Fünfte Schöne, den Ort der ewigen Beklemmung. Ich bin erleichtert, dass sich meine Agressionen, für die sich kein Ventil finden ließ und die der Zustand des Gefangenseins auf dem Präsentierteller nach nur drei Wochen in mir hervorgerufen hat, bald legen werden. Zurück lasse ich Gaby und Daniela, die wohl liebevollsten Menschen, denen ich jemals begegnet bin. Mit meinem riesigen Rucksack, in dem sich mehr Werte befinden, als einige meiner ehemaligen Nachbarn je besitzen werden, durchschreite ich ein letztes Mal den Spießroutenlauf in meiner Straße der Quinta Bella. Sie heißt Justicia Social – „Soziale Gerechtigkeit".

Wann ist eigentlich Weihnachten?

Geschrieben am 02. Januar 2006 in Viña del Mar (Chile):

Nachdem ich meinem neunjährigen Cousin Julian am Telefon auf Nachfrage („Also sag mal Sarah, bei Euch ist es ja noch nachmittags und hier ist schon Schlafenszeit. Wie machst Du das denn? Schläfst Du dann jetzt?") die Sache mit der Zeitverschiebung erklärt hatte, setze ich noch einen oben drauf: „Und weil Chile auf der Südhalbkugel liegt, ist hier Sommer und nicht Winter. Kannst Du Dir vorstellen, dass ich an Weihnachten bei über 30 Grad im Garten sitzen werde?"„Ach, dann ist bei Euch also gar nicht Weihnachten?"
So unrecht hatte Julian gar nicht, denn irgendwie war wirklich nicht Weihnachten. Der Tag stimmte zwar, schon seit Wochen hing Weihnachtsschmuck zwischen den Palmen und die Santiagoer Innenstadt war genauso unerträglich wie die Mönckebergstraße kurz vorm Vierundzwanzigsten, aber die Hitze? Und der unentwegte Sonnenschein? Das Vogelgezwitscher? Die Erdbeeren und die Blütenpracht? Von Weihnachtsstimmung konnte nicht die Rede sein und hätte unsere Vermieterin Gabi nicht einen schief-tönenden und nervraubenden Weihnachtsbaum auf ihrer Terrasse stehen, so hätte ich Weihnachten fast vergessen können. Kein Plätzchenbacken, kein Plätzchenessen, keine Geschenke in letzter Minute kaufen, keine Familienfeiern, keine Arbeit beim Pflegedienst und wegen der deutschen und chilenischen Schneckenpost noch nicht einmal Geschenke zum selber Auspacken.
Und was macht man an Weihnachten im Sommer? Ganz klare Sache: Grillen natürlich, zusammen mit den deutschen Freiwilligen, die hier in der Gemeinde arbeiten, in der Messe „Oh Du fröhliche", „Stille Nacht, Heilige Nacht" und „Oh Tannebaum" vortragen, über die nächtliche Kinderparty auf der Straße staunen (Bescherung ist in Chile erst nach Mitternacht) - nein, das hier ist sie nicht! das Bild ist aucf dem Rueckweg von der Kirche aufgenommen worden - und den Ersten Feiertag zum Verdauen im Freibad verbringen!

Workshop

Geschrieben am 27. Dezember 2005 in Santiago (Chile):

Wegen einiger Schwierigkeiten beim Einstellen der Fotos nun noch ein kleiner Nachtrag zum La Pazer Projekt.

Zu guter Letzt hat er dann doch noch stattgefunden - unser Workshop zu den Millenniumszielen (s. „Bolivia"). Austragungsort war das Jugendzentrum, in dem eine unserer Mitbewohnerinnen Kunst- und Capoeirakurse gibt. Dort oben beim Zentrum, am Rand des Talkessels, in dem La Paz liegt, ist der Ausblick zwar hervorragend – entgegen der meisten Großstädte, bedeutet „Hanglage" in La Paz „arm"; wer reich ist wohnt unten – aber die Zukunftschancen für Jugendliche sind vernichtend.
Für den Workshop hatten wir uns in bester ASA-Manier zwei Spiele ausgedacht: ein Rollenspiel, in dem die 12-20jährigen Jugendlichen eine UNO-Versammlung simulierten, um zu diskutieren, was man in der Welt ändern müsste, damit alle Menschen glücklich leben können, und ein Quiz mit Multiple-Choice-Fragen über die Millenniumsziele. Ganz entgegen unserer Befürchtungen beteiligten sich die Jugendlichen mehr als rege und verfügten über ein wirklich erstaunliches Wissen. Die meisten deutschen Altersgenossen interessieren wohl diese politischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge wesentlich weniger.
Mir scheint, dass wir alle beim Workshop eine Menge Spaß hatten und hoffentlich ist auch noch ein bisschen was hängen geblieben!

Hasta muy pronto Bolivia, bien venido Chile!

Geschrieben am 18. Dezember 2005 in Iquique (Chile):

Tja, ja, scheiden tut weh. Meine Zeit in Bolivien ist nun vorbei und der Abschied ist mir schon sehr schwer gefallen, denn das Fremde ist mir in den letzten drei Monaten ein zu Hause geworden, indem ich mich zudem sehr wohl gefühlt habe. In Bolivien kann man innerhalb von 18 Stunden mit dem Bus landschaftlich von der Schweiz nach Thailand reisen. In Bolivien ist es furchtbar heiß und furchtbar kalt. Bolivien ist arm und reich. Die Menschen sind herzlich und offen, aber auf eine gewisse Weise doch unnahbar. In Bolivien erhält alles einen anderen Wert. Bolivien ist unfassbar und doch so real. Auch wenn das Projekt nicht so verlaufen ist, wie ich es mir gewünscht hätte, so habe ich doch viele wertvolle Erfahrungen gemacht und viele wertvolle Menschen kennen gelernt.

Und Chile? Chile ist anders.
Arica, der erste chilenische Ort, in dem ich war, verfügt über eine nach deutschen Maßstäben vollwertige Fußgängerzone: Sauber, mit netten Cafés, den chilenischen Äquivalenten von Karstadt und H&M und einem McDonalds. Dementsprechend nähern sich die chilenischen Preisen auch erschreckend dicht den deutschen an, insbesondere wenn man aus Bolivien kommt. Ich hatte einen Kulturschock und war „not amused"!
Mittlerweile befinde ich mich einige 100 Kilometer weiter südlich in Iquique und hier gefällt es mir gleich viel besser. Die Stadt wirkt weniger ordentlich, das Klima ist angenehm, die Landschaft großartig und ich lerne endlich surfen. Neben dem Hotel, in dem ich wohne (2 Minuten Fußweg bis zum Strand) ist eine Café und eine Tür weiter die Surfschule. Die Jungs vom Café und der Schule haben mich adoptiert, sodass auch die quasi Abwesenheit anderer Touristen in Iquique für mich mehr als zu verkraften ist. Für einen Augenblick war ich besorgt, dass ich mich langweilen könnte…
Heute hatte ich meine zweite Surfstunde und habe es immerhin mehrfach geschafft mich, die Welle reitend, aufs Brett zu knien. Da dieses Ereignis allerdings undokumentiert blieb, zum Schluss ein Foto von mir bei meinen ersten Trockenübungen zum Kitesurfen.
Bien Venido, Chile!

Sonntag, 2. April 2006

Bolivia

Geschrieben am 16. November 2005 in La Paz (Bolivien):

Irgendwo im öden, aber für durchreisende Touristen wunderschönen und unwirklichen Grenzland zu Chile treffe ich in der Kneipe eines scheinbar gottverlassenen Dorfes einen sturzbetrunkenen Bauern.
„Wovon lebst Du?", frage ich ihn, nachdem wir uns miteinander bekannt gemacht haben.
„Quinua, was anderes wächst hier nicht", ist die erste einer Kette von ernüchternden Antworten.
„Und das Vieh?" frage ich weiter.
„Schwierig, schwierig. Im Sommer ist alles so trocken, dass es nichts zu Fressen findet und im Winter erfriert es."
Ich schweige und nippe ein wenig an meinem Bier.
„Wirst Du Evo wählen?", frage ich schließlich.

Evo Morales und seiner Partei Movimiento Al Socialismo – MAS (Bewegung zum Sozialismus) werden für die im Dezember stattfindenden Wahlen gute Chancen prognostiziert. Evo Morales ist - wie Hugo Chávez – ein linker Populist. Am Kühlschrank unserer WG klebt ein Aufkleber, auf dem Evo grüßend mit roter Jacke und Barett abgebildet ist. Darüber prangt der Solgan: Venezuela no está sóla (Venezuela ist nicht allein), der mich immer an das kubanische Revolutionslied Cuba no está sóla denken lässt. Die Sozialismus-Rhetorik der MAS ist Wasser auf die erbosten Mühlen eines Großteils der Bolivianer: Nacionalizar gas – Expulsar las transnacionales (Gas nationalisieren – Transnationale (Firmen) rausschmeißen). Bolivien ist im Grunde genommen nicht arm; die Gasvorkommen beispielsweise sind reichlich. Aber Bolivien ist hoch verschuldet und seine Schuldner, wie die Weltbank und der Internationale Währungsfond (IWF), erlassen dem Land einen Teil der Schulden nur unter der Bedingung, dass die Rechte an Öffentlichen Gütern, z.B. Gas und Wasser, an private, d.h. ausländische Großkonzerne, abgegeben werden. Augenblicklich ist die alltägliche Versorgung mit Gas in Bolivien nicht gesichert, sodass Straßenblockaden mit leeren Gasflaschen in La Paz, aber mehr noch in El Alto (La Paz´ „Armenhaus" und Sattelitenstadt) keine Besonderheit mehr sind. Wie kann ein Land zur gleichen Zeit über so viel und so wenig Gas verfügen?

„Ich werde gar nicht wählen!", erwidert mein Gegenüber erbost.
„Aber warum? Wählen ist doch wichtig!", ich bin erstaunt.
„Hier in dieser Gegend wird niemand zur Wahl gehen, niemand!".
„Aber warum?" frage ich erneut und mit noch mehr Verwunderung.
„Cochabamba! Sucre! La Paz! Santa Cruz!", die Emotionen kochen hoch. „Da kümmern sich die Kandidaten drum! Aber um uns, um unsere Gegend, da schert sich niemand drum!".
Am nächsten Tag bestätigt mir unser Reiseleiter, der ebenfalls aus der Region stammt, diese Tatsache.

Es ist heiß, um die 40 Grad und die Luft so staubig, dass das Atmen zur Qual wird. Meine Gummistiefel stapfen durch Pfützen auf dem unebenen Boden. Gebückt und keuchend krauche ich durch die klaustrophobischen Gänge der beinahe 500 Jahre alten Silbermine von Potosí, die immer noch in Betrieb ist. Weite Strecken auf dem Weg hinab kommen wir nur in der Hocke oder auf dem Bauch robbend voran. Der dreistündige Ausflug für Touristen gerät zur Grenzerfahrung. Wer wird hier nur arbeiten können?
In einem der großen Gänge – ca. zwei Meter breit und aufrechtes Stehen ist möglich – fängt unser Führer auf einmal an zu brüllen: „Rapido! Rapido!!" (Schnell! Schnell!!) und deutet uns, zu einer Nische vorzueilen und uns gegen die bröckelige Wand zu drücken. Von vorne hören wir ein Poltern immer näher kommen. Aus dem fernen Dunkel tauchen, Berggeistern gleich, drei Minenarbeiter auf, die einen vollen Karren mit Mineralien schwerfällig vorwärts schieben. Nur um haaresbreite kann sich der Wagen an uns vorbei drängen.
Nach einer weiteren halben Stunde, in der alle damit kämpfen ihre eigenen Körper schwerfaellig vorwärts zu schieben, erreichen wir die dritte Ebene und damit den tiefsten Punkt unserer Tour. In einem verhältnismäßig geräumigen Hohlraum treffen wir auf eine vierköpfige Arbeitergruppe und machen Rast mit den Mineros: Sie bieten uns Koka-Blätter und 96%igen Schnaps an. Ablehnen kommt nicht in Frage. Wir haben Geschenke mitgebracht: überzuckerte Brause („Löscht zwar nicht den Durst, aber sie mögen es wegen des Zuckers. Zucker ist Energie", kommentiert unser Minenführer), Koka und Sprengsätze, die man ohne weiteres in den Lebensmittelgeschäften um den Hügel von Potosí kaufen kann. Einer der Minenarbeiter erzählt, dass er bereits seit 30 Jahren in der Mine arbeitet und 42 Jahre alt ist. Die jüngsten Mineros beginnen schon mit zehn Jahren zu arbeiten, obwohl das offizielle Alter für eine Anstellung in der Mine ist 18 ist. Jeder Mann, egal welchen Alters könne jederzeit anfangen, wie uns berichtet wird. Machísmo sei weit verbreitet und niemals habe eine Frau in der Mine gearbeitet oder dies auch nur gewollt. Normalerweise dauere eine Schicht acht bis neun Stunden, aber da die nächste Woche wegen eines Feiertages frei sei, würden sie nun schon seit drei Tagen unter Tage sein. Wie der Verdienst sei? Mal so, mal so.
Alle Mineralien, die eine Gruppe findet ist ihr Eigentum und wird unter den Gruppenmitgliedern geteilt. Kein Fund, kein Verdienst.

Um mich herum erstreckt sich ein weites Nichts aus Sand und Stein. Hinter mir ragt eine Felswand, Attraktion der kargen Landschaft, in die Höhe. Ich sitze ein wenig erhöht auf einem Felsvorsprung. Der Teller auf meinen Knien beherbergt bolivianisches Standardessen: Huhn, Reis und Kartoffeln (oh bitte nicht schon wieder!). Neben mir lauert ein Viscachy, eine Mischung aus Hase und Chinchilla, auf einen kleinen Snack. Der Tourleiter erläutert: „Gibst du dem Viscachy Brot, es wird essen, gibst Du ihm Schokolade, es wird essen, gibst du ihm Fleisch, es wird essen, gibst du ihm Kaugummi, es wird kauen, gibst Du ihm eine Zigarette, es wird rauchen…". Ein Stückchen weiter rechts versuchen einige lebensmüde Franzosen ihre alte, klapprige Ente wieder flott zu bekommen, mit der sie wie die Bekloppten über die Schotterpisten brettern. Während der Fahrt zeigt uns unser Fahrer im Halbstundentakt Spuren und Krater im Sand und lacht schadenfroh: „Schon wieder eine Ente verunglückt!". Vor mir spielt der kleine Sohn der Köchin Fußball. Ob er wohl schon in die Schule gehen müsste?

Die Aufgabe unseres Projektes ist es, Informationsmaterial für die weniger gebildete Bevölkerung zu den Millenniumszielen der Vereinten Nationen zu entwickeln. Zur Jahrtausendwende haben die Vereinten Nationen acht Entwicklungsziele verabschiedet, die bis 2015 erreicht sein sollen. Wie wichtig es ist, diese Ziele insbesondere in Bolivien, Lateinamerikas ärmsten Land, zu verwirklichen, zeigen einige schnöde Zahlen:
1. Ziel: Bis 2015 Hunger und extreme Armut (Einkommen ist geringer als 1 US Dollar pro Tag) halbieren. In Bolivien sind 63% der Bevölkerung von Armut betroffen.
2. Ziel: Bis 2015 sollen alle Kinder eine primäre Schulbildung (bis ca. 6. Klasse) erhalten. In Bolivien sind 20% der Bevölkerung Analphabeten.
3. Ziel: Die Gleichheit der Geschlechter und die Selbständigkeit der Frau erreichen. In Bolivien sind 18,46% der Parlamentsabgeordneten Frauen.
4. Ziel: Die Kindersterblichkeit der Kinder unter fünf Jahren bis 2015 um zwei Drittel reduzieren. In Bolivien sterben 75 von 1000 Kindern ehe sie ihr fünftes Lebensjahr erreicht haben.
5. Ziel: Die Müttersterblichkeit bis 2015 um drei Viertel halbieren. In Bolivien erhalten 51% der Mütter irgendeine Form (schul)medizinische Hilfe bei der Geburt.
6. Ziel: HIV/AIDS, Malaria, Tuberkulose und andere vermeidbare Krankheiten eindämmen. Bolivien zählt 1517 registrierte Aidsfälle und 14.910 Malariakranke. Jährlich werden um die 7500 neue Fälle von Tuberkulose bekannt.
7. Ziel: Die Nachhaltigkeit der Umwelt erhalten, z.B. die Zahl der Menschen ohne Zugang zu sicherem Trinkwasser und grundlegender Sanitärversorgung halbieren. In Bolivien leben ca. 37% der Bevölkerung ohne sicheres Trinkwasser und sanitäre Anlagen.
8. Ziel: Aufbau einer weltweiten Entwicklungspartnerschaft, z.B. ein gerechtes und nicht diskriminierendes Handels- und Finanzsystem entwickeln. Die Vereinten Nationen rechnen damit, dass man zur Erreichung der Millenniumsziele jährlich 195 Mrd. US Dollar bräuchte. Jährlich werden weltweit insgesamt 900 Mrd. US Dollar für die Militäretats ausgeben.

Lagunen lassen die Wüste auf über 4000m Höhe leben. Einige sind grün vom Kupfer, andere knallig pink durch Mikroorganismen und auf anderen liegt eine weiße Schicht aus Salpeter. Unzählige Flamingos verstärken den Eindruck vor einer Fata Morgana zu stehen. Der Himmel ist blau und die Wüste schweigt beharrlich. Bolivien scheint nicht arm.

Alltag

Geschrieben am 10. Oktober 2005 in La Paz (Bolivien):

Es ist ein Alltag, morgens um sieben und die Welt ist in Ordnung. In einer halben Stunde wird der Wecker klingeln und mit ein wenig Glück wird das Bad frei sein. Der Wecker klingelt, das Bad ist nicht frei und die Küche ist überfüllt. Kein Frühstück, keine Dusche, dafür schnell ein Käffchen und ich beziehe den strategisch günstigen Posten im Wintergarten, um bei der nächsten Gelegenheit ins Bad zu hüpfen. Dann Dusche und ein Platz am Frühstückstisch, „Und, was steht bei Dir heute an….?", „Ja, das wäre eine super Idee für´s Wochenende…!", „Wie kommt man dahin…?", „Tschüss, viel Spaß und bis heute Abend dann…!".
Als letzte verlassen dann auch Florian und ich das Haus (flexible Arbeitszeit). Es ist kurz nach neun und die Sonne brennt gnadenlos, nur im Schatten ist es eisig. Auf dem Weg zur Plaza, wo unser Minibus abfährt, gebe ich noch schnell meine Wäsche in der lavandería ab. Wieder beziehe ich Posten, diesmal am Straßenrand. Massen an Minibussen in der Größenordnung von VW-Bussen, in die drei bis vier Bankreihen gezwängt wurden, fahren vorbei. In der Windschutzscheibe zeigen bunte Schilder an , wohin der jeweilige Bus fährt. Zusätzlich brüllt ein Busbegleiter in einem Affentempo die Route aus dem Bus heraus: „Sopocachi, Sopocachi, Plaza Avaroa, Cota Cota a un Boliviano, un Boliviano, Sopocachi…!". Man muss schon tüchtig aufpassen, um sich auch rechtzeitig den passenden Bus heranzuwinken, aber mittlerweile manage ich das mit dem richtigen Maß an gewusst-wie!-Coolness. Einmal den MINIbus bestiegen wird´s meisten gemütlich: der bolivianische Nahverkehr ist nicht wirklich auf die Platzbedürfnisse von hochgewachsenen Nordeuropäern eingestellt: Trotz Quetschens, Drängens und Beine Verknotens nehmen Florian und ich meistens doch eher zwei reguläre Sitzplätze pro Person ein. Eine Frau in traditioneller Kleidung winkt am Straßenrand und steigt zu. Der Busbegleiter streckt sich durch den Autoinnenraum und sammelt von jedem Fahrgast umgerechnet 15 Cent ein. Wer aussteigen will, gibt dies einfach kurz vor dem Ziel bekannt „Me quedo en la esquina" – „Ich bleibe an der Ecke".
Die Räumlichkeiten von A.I.S. liegen in einer beschaulichen Straße eines besseren Wohnviertels. Außer der Kommunikationswissenschaftlerin Marisol und dem Pharmazeuten Amilcar arbeiten noch acht weitere, feste Mitarbeiter bei A.I.S. in La Paz. Alle sind sehr nett und bemüht um uns. Für unsere Recherchen erklärt uns Amilcar, wie man Malaria vorbeugt. Wir werfen noch kurz ein "Buen día" in die anderen Bueros, um dann den restlichen Vormittag lesend bei einer anderen Organisation zu verbringen, die eine hervorragend ausgestattete Bibliothek hat. Mittags geht´s auf eine Ente in eine der zahlreichen Chifas, wie hier chinesische Restaurants heißen. Den Rest der Pause verbringe ich damit, das riesige Marktviertel nach einem Kaffeefilter oder sonstigem Gerät zum bereiten von Filterkaffee zu durchkämmen. Für die hiesige Versorgungslage mit Konsumgütern gilt: Es gibt alles, aber wenn man nicht genau weiß in welcher Ecke des Gewusels das sich Stadt nennt, das Gewünschte feil geboten wird, dann kann die Suche lange und nervenaufreibend werden. Stößt man dann nach Tagen durch Zufall auf das Ersehnte, so kann man sicher sein, dass in just dieser Straße auch nur das eine verkauft wird. Naja, ich muss ja auch nicht immer alles verstehen…
Am Nachmittag nimmt uns der Chef von A.I.S., Dr. Lanza, mit zu einer seiner Vorlesungen über Öffentliche Gesundheit. Er stellt uns seinen Studenten vor und bittet sie, uns mit auf ihren Feldeinsatz mitzunehmen. Bolivianische Medizinstudenten, die im Schwerpunkt Öffentliche Gesundheit studieren, sind verpflichtet ein Wochenende auf dem Land zu verbringen, um dort gesundheitliche Aufklärung zu betreiben. Alles kein Problem, die Studis nehmen uns gerne mit und wir freuen uns über die kommende Abwechslung. Das Thema der heutigen Vorlesung scheint mir ein wenig auf uns zugemuenzt zu sein. Im Groben ging es um „Warum es in Deutschland keine schweren Krankheiten gibt und was die internationale Politik damit zu schaffen hat". Zu einer zweiten Vorlesung können wir leider nicht bleiben, weil um 17.00Uhr unsere Förderstunde in Aymara (neben Quetchua, Guaraní und Spanisch bolivianische Amtssprache) beginnt. Unsere Aymara-Lehrerin ist jung, nett und lacht viel. Sie trägt die typischen sieben Röcke und hat einen riesigen, deckenartigen Schal um die Schultern gelegt. Allerdings führt sie weder einen Hut, noch Kenntnisse in Didaktik mit sich. Aymara, das sind für mich wahllose Buchstabenketten, deren Aussprache mir nur vereinzelt deutlich wird, insbesondere, wenn ein Apostroph mitten im Wort einen seltsamen Knacklaut signalisiert. Ich bezweifele, dass diese Sprache überhaupt für Ausländer lernbar ist. Nach dem Aymara bin ich fix und alle und goenne mir auf dem Fußweg nach Hause noch ein „Bonbon aus Wurst", eine Art Würstchen im Schlafrock am Stiel. Es ist 19.00 Uhr, bereits dunkel und Rushhour. Bus- oder Taxifahrten dauern zu dieser Zeit locker doppelt so lange (Hoffungsfroh habe ich in Deutschland meinen Führerschein eingesteckt. Jetzt weiß ich, dass ich ihn hier gewiss nie brauchen werde.). Der Versuch eine Straße zu überqueren – Fußgängerampeln sind weitesgehend unbekannt – kann nicht nur eine Viertelstunde, sondern auch einen Herzkasper kosten. Bolivianer begehen ihre rare Freizeit. Überall bieten ambulante Händler ihre Waren und Dienstleistungen an, z.B. (nicht ganz legale) DVDs der allerneusten Filme für einen Euro, von denen ich noch eine für die Abendgestaltung mit nach Hause nehme. Die Mädels sind bereits von der Arbeit zurück, haben gekocht und wir sind eingeladen. Alle erzählen - von Interviews mit Ministern, von Diplomarbeiten, von Kunstkursen in Jugendzentren, von der Arbeit in der Handelskammer oder von Aymarasprachkursen. Müde plumpsen wir gerade noch so eben vors improvisierte Heimkino und dann ins Bett, bis der Wecker klingeln, das Bad besetzt und die Kueche ueberfuellt sein wird.

Se busca departamento!

Geschrieben am 24. September 2005 in La Paz (Bolivien):

…con dos habitaciones, baño y cocina para profesionales extranjeros en Miraflores o Villa Fatima!" („Wohnung mit zwei Zimmern, Bad und Küche für ausländische Berufstätige gesucht!"), so erklang letzte Woche aus einer der hiesigen Radiostationen, aber leider blieb die Annonce ohne bahnbrechende Erfolge. Wohnungssuche für zwei profesionales extranjeros, die nicht nur eine Wohnung für nur drei Monate suchen, sondern selbige auch noch möbliert wünschen, ist nicht gerade das einfachste. Auch zwei Zimmer in einer WG waren nicht auf die Schnelle aufzutreiben. Gut war nur, dass wir bereits am zweiten Tag nach unserer Ankunft, über die Deutsche Botschaft und die Deutsche Handelskammer zwei Zimmer (á 100 Dollar im Monat) in deren Praktikantenhaus reservieren konnten, sodass die Hoteltage so oder so gezählt waren. Nur, wer fährt schon nach Bolivien, um dann mit sechs anderen Deutschen eine Unterkunft zu teilen? Derselben Meinung waren auch die Mitarbeiter von A.I.S., die daraufhin alle in Frage kommenden Zeitungsannoncen der Sonntagszeitung für uns durchtelefonierten, uns zwei sehr schöne allerdings unmöblierte Wohnungen überlassen wollten, um uns dann das Allernötigste zur Verfügung stellen zu wollen, die Radioannonce schalteten und mit uns eine Wohnung aus der Zeitung besichtigten, die allerdings mehr als klein war und in einem etwas fraglichen Viertel lag. Auch eine befreundete Sprachschule wurde eingeschaltet. Dort hätten wir im Haus einer bolivianischen Familie zwei Zimmer mit separater Küche und Bad beziehen können. Eigentlich optimal, nur dass das hübsche Haus so weit oben lag, dass wir uns nur noch mit dem Taxi hätten fortbewegen können.
Nun wohnen wir schlussendlich doch bei den Deutschen, von denen aber wenigstens nur einer was mit Wirtschaft am Hut hat. Das Haus liegt im super zentralen Nobelviertel Sopocachi (vergleichbar mit Manhattan), also irgendwie ein wenig außerhalb von Bolivien. Es gibt einen kleinen Garten und einen Wintergarten, von dem man einen unvergesslichen Blick auf den Schneebedeckten Illimani hat. Gleich um die Ecke befindet sich ein Bioladen, wo man Vollkorn- und sogar Franzbrötchen kaufen kann. Alles bestens! Ein gringo ist ein gringo, ist ein…

3,8km dichter am Himmel

Geschrieben am 17. September 2005 in La Paz (Bolivien):

Auf 3800m Höhe ist irgendetwas anders. Sicher, die Luft ist dünner, Sonnenbrand bekommt man auch wenn es regnet oder wie vorgestern schneit, aber das, was mich die veränderte Höhenlage nie vergessen lässt, sind die Wolken. Beinahe scheint es, als würde mir der Himmel auf den Kopf fallen oder als müsste ich ihn einziehen, um mich nicht an Cumulus, Cirrus & Co. zu stoßen, wie man gut auf dem Foto erkennen kann, das mich an der Grabstätte in Sillustani zeigt. Wolken im Allgemeinen und im Speziellen, fristen hier ein eher unsicheres Dasein. Der lokalen Wetterlage am Titicacsee ist beispielsweise nicht einen Zentimeter über den Weg zu trauen. So können vierstündige Bootsfahrten auf dem See schnell kälter und bewegter werden als erwartet: als beflissener Tourist wählte man bei strahlendem Sonnenschein das Sitzplätzchen auf dem Häuschen des Böötchens und war seines Lebens froh, bis der Wind urplötzlich eisig über den See fegte und damit das Böötchen zu einem wilden Tänzchen herausforderte. Andere Böötchen (nein, das waren eher Kähnchen, deren Bilder ich lieber unveröffentlicht lasse), die die Busse - getrennt von den Passagieren - über eine Seeenge zweier Halbinseln transportieren, fahren bei einem größeren Aufgebot an Wolken und Wind überhaupt nicht, sodass etwaige Reisende nach La Paz notgedrungen eine Nacht in Copacabana/BOLIVIEN(!!) verbringen müssen.
Ebenfalls unbestritten uneuropäisch ist die wunderbare Tatsache, dass keine Busfahrt, keine Wartezeit, kein Café-Besuch und kein Marktbummel ohne einen kleinen Schnack vergeht. Ich treffe auf eine Siebenjährige, die mich sehr charmant beim Kartenspielen beschummelt, auf einen bolivianischen Arzt, der in Belgien studiert hat und schon seit Jahrzehnten in Chicago praktiziert, auf einen Schuhputzerjungen, der Englisch in der Schule gelernt hat, auf eine Marktfrau, die mich fragt, wie viel ich für die Fahrt von Puno nach La Paz bezahlt hätte und als sie die Antwort hört (8,30 Dollar), durch die Zähne pfeift. Als ich ihr wahrheitsgemäß beantworte, was der Flug von Deutschland nach Peru gekostet hat (fast 1000 Dollar), schweigt sie, während ich weiter meine Portion Obstsalat löffele, die ich ihr für 10 Cent abgekauft habe. Ich treffe in der Kirche einer Kleinstadt eine zahnlose Alte, die mich küsst, als ich ihr eine kleine Münze schenke. Ich treffe auf der Plaza Mayor derselben Stadt einen religiösen Spinner, der mir erzählt, Jesus wohne in Frankreich, auf eine alte Dame, die mir stolz erzählt, dass sie einen deutschen Archäologen kennt und in Cuzco treffe ich auf eine indígena, die dezent auf die katholische Kirche schimpft, während sie Touristen die Kunstwerke der Kathedrale erklärt.

Für meinesgleichen ist das Leben am anderen Ende der Welt, kurz unter dem Himmel, herrlich!

Tod und Nacht in den Anden

Geschrieben am 7. September 2005 in Cusco (Peru):

Nein, nein, bitte nicht den Ruecktransport meiner Gebeine organisieren! Mir geht es praechtig und auch die 3400m Hoehe, auf der ich mich befinde, bekommen mir gut. Ich komme nur so schnell aus der Puste. Aber nun zu "Tod und Nacht in den Anden":

Zwischen unserem letzten Stop in Ayacucho, einem bezaubernden kleinen Bergstaedtchen ohne grosser touristischer Infrastruktur, und Cuzco, dem pittoresken Mekka aller Perureisender lag eine unvermeidbare 22-stuendige Busfahrt ueber unasphaltierte Andenstrassen. Also, nicht lange mit dem Schicksal hadern (laesst sich ja doch nicht aendern), Pomuskulatur noch ein letztes Mal gelockert und hinein in den Bus-Spass! Los ging die (Tor)tour um 19.30 Uhr und zu dieser Zeit ist es hier bereits seit einer Stunde stockfinster. Mich trieb schon zu Beginn der Fahrt die Sorge um unsere Rucksaecke im Kofferraum des Buses um, weil staendig finstere Gestalten mitten im Nirgendwo ein- und ausstiegen, keine Sitzplaetze hatten, sondern im Gang standen und mal ein Huhn, mal ein Zicklein mit sich fuehrten. Da haette sich schnell jemand unten die Gepaecklucke oeffnen lassen koennen und - haetten wir nicht gesehen! - waere der Boesewicht mit unseren Sachen in der Nacht verschwunden. Einige Vorsichtige kaufen sich fuer ihr Gepaeck sogar einen zweiten Sitzplatz. Auch die Strasse ist alles andere als vertrauenswuerdig: Eine Schotterpiste, die sich in Serpentinen den Berg entlang windet und eigentlich nur Platz fuer ein Fahrzeug bietet (beliebt: Strassensperren und Ueberfaelle) und Gegenverkehr wir durch Hupen vor Kurven ueber die eigene Existenz in Kenntnis gesetzt. Aber zurueck zum Tod in den Anden: Die Fahrt vernahm also ihren fuer Peruaner garantiert geregelten Verlauf. Ungefaehr gegen Mitternacht wurden dann alle zum Freiluftpinkeln nach draussen gelassen, nur fuenf Minuten hinaus in die Kaelte und dann weiter. Die Tuer schliesst sich, der Bus faehrt los und kurz darauf erhebt sich ein Geschrei im Bus: "Es fehlt einer!". Bis der Busfahrer, durch eine verschlossene Tuer von den Fahrgaesten getrennt, dann wirklich reagierte, vergingen noch einmal einige Minuten. Der Bus hielt schliesslich und aufgeregt sprangen einige Maenner hinaus. Als sie zurueckkamen, bekreuzigten sie sich und setzten uns uebrige Passagiere ins Bild. Peruaner neigen offenkundlich zu detaillierten, ausgeschmueckten und vielleicht auch uebertrieben Erzaehlungen und so ereignete es sich zum ersten Mal, dass ich mir wuenschte, kein Spanisch zu koennen. Hier nur eine nuechterne Kurzfassung: Der bei der Pinkelpause vergessene Fahrgast war in absoluter Dunkelheit und vermutlich in Panik hinter dem Bus her und geradezu in den Abgrund gerannt, der auf der selben Strasse, nur eine Etage tiefer, endete. Blutueberstroemt und... lag er nun, kaum noch lebend, vor unserem Bus. Mitten in den Anden Polizei oder einen Krankenwagen alarmieren? Unmoeglich. So wurde der Schwerstverletzte nach einigem hin und her kurzer Hand in dem Ruheraum fuer den Busfahrer, der sich ebenfalls im Kofferraum befindet, mit zum naechsten Krankenhaus genommen. Auf dieser sicherlich nocheinmal zweistuendigen Fahrt ist der Verunglueckte, der mit seinem Cousin reiste, dann verstorben. Am Krankenhaus angelangt mussten wir noch eine gute Stunde auf die Polizei warten, die verschiedene Zeugenaussagen zu Protokoll nahm. Die restlichen vierzehn Stunden verliefen dann ohne weitere, nennenswerte Zwischenfaelle: Ein Reisbus ohne jegliche Federung, unalspahltierte Strassen, kein Platz fuer die Beine, fliegende Haendler fahren ein Stueck mit, um ihre Koestlichkeiten zu verkaufen, unbegreiflich aermliche Doerfer und unbegreiflich wunderbare Berge ziehen draussen vorbei.

Man kann gar nicht so viel essen, wie man den Leuten abkaufen möchte

Geschrieben am 3. September 2005 in Lima (Peru):

Nach ueber 35 Stunden Anreise von Henstedt-Rhen nach Lima-Miraflores begann mein Lateinamerika-Aufenthalt zunaechst mit einer gehoerigen Muetze Schlaf, die sich Dank der Ankunft um 23.45 Uhr Ortszeit sofort in die hiesigen, zeitlichen Gepflogenheiten einpasste. Im Anschluss und nach einem von unserer sehr netten Herbergsfamilie ueberraschend servierten Fruehstueck, konnte es endlich losgehen, hinein - in den Moloch! Der erste Stadtbummel in Miraflores (eines der nobelsten und sichersten Viertel!) schaffte uns total. Die Massen von Autos und Bussen verfuegen nasenscheinlich nicht ueber KAT und, dies nur nebenbei, einem deutschen TUEV-Beamten sei Lima nicht zu empfehlen. Florian brannten die Augen und ich bekam Kopfschmerzen, wann immer wir auf die Hauptstrasse trafen. Also flohen wir am Abend an den einzigen Ort, an dem sich unsere verweichlichten und geschundenen europaeischen Koerper noch aufhalten mochten: Das Einkaufszentrum Lacromar. Lacromar, das sind mehrere Terrassen mit Bars, Cafés und Luxusgeschaeften, die in die Steilkueste der Stadt gearbeitet sind. In einem chicen Bistro mit einem unvergesslichen Meerblick nahm ich einen Meeresfruechte-Salat, ein gegrilltes Gemuese-Sandwich und ein peruanische Bier der Marke "Pilsen" fuer 30 Soles (7,50Euro) zu mir.
Auf unserer heutigen Tour (Standard-Turiprogramm: Kathedrale, Kathakomben, Plaetze, Palaeste, Haeuser schauen) stellte ich folgende Rechnung auf: Fuer 30 Soles kann man in einem Strassenimbiss 9 Menus del Día essen (z.B. Innereiensuppe mit Nudeln, Gegrilltes Haehnchen mit Reis, Pommes und Salat, Ananas-Gruetze und Tee, riesige duchaus schmackhafte Portionen) oder von einem Karren 600 Mini-Bananen kaufen. Das Ueberangebot an lose, vornehmlich von Kindern und alten Leuten angebotenen Suessigkeiten, Nuessen, Fruechten und kleinen Dienstleistungen (Wiegen auf der Personenwaage oder Schuhe Putzen natuerlich) ist ueberwaeltigend. Ebensfalls ueberwaeltigend ist die Freundlichkeit mit der uns hier bislang alle Menschen begegnet sind! Dennoch verlassen wir morgen frueh um acht nicht ohne Freude Lima Richtung Ayacucho in den Anden. Auf dem Flug von Atlanta nach Peru unterhielt ich mich mit einer Limeña, die seit 15 Jahren in den USA arbeitet, und fragte sie unter anderem, was das denn schoenste in Lima sei. Die Antwort: "Nada!".

Neulich beim Pflegedienst....

Geschrieben am 25. Juni 2005 in Hamburg (Deutschland):

"Frau I., Sie wissen doch, dass ich Ende August aufhöre zu arbeiten, oder?"
"Nöö, wieso das denn?!"
"Ich fahr´ doch nach Bolivien!"

"Oooch, die Deern geht auf Reisen!"