Dienstag, 2. Juni 2009

Jung oder Politiker

Geschrieben am 7. Mai 2009 in Hamburg (Deutschland):

Franz Müntefering, Krista Sager, Niels Annen, Johannes Kahrs – welcher 27jährige Politiker kann schon von sich behaupten mit diesen Größen in Verbindung gebracht zu werden? Die Antwort: Danial Ilkhanipour. Yes, he can!


Hamburg-Eimsbüttel – Ein roter SPD-Sonnenschirm droht immer wieder im Wind umzukippen, daneben surrt ein Glücksrad. Sparkurs bei den Gewinnen: Bonbons, Einkaufswagenchips und Kugelschreiber. Das Scheppern von umgeworfenen Blechdosen, Bratwurstschwaden und das Lärmen einer mittelmäßigen Band schlagen eine Schneise ins hanseatische Schmuddelwetter. Nur für einen bedeutet das sonntägliche Straßenfest-Getümmel nicht Partylaune, sondern „Feindesland“, wie er sagt.
In Bundfaltenhose und Oberhemd versucht Danial Ilkhanipour Broschüren unter das Wahlvolk zu bringen: „Guten Tag, ich bin Direktkandidat der SPD für Eimsbüttel!“


Die Menschen reagieren neugierig auf den Kandidaten mit dem sonderbaren Namen. „Feindesland“ ist nicht in Sicht. Die See geht ruhig und der ehemalige Juso-Landesvorsitzende segelt versiert durch Inhalte. Finanzkrise, Radwege, Bildung… Doch da! Sturm zieht auf. „Ich nehme den Flyer nicht! Ich bin ein Annen-Fan!“, pöbelt ein Besucher lautstark.
Feindesland ahoi, denn von „Yes, we can!“ ist die SPD in Eimsbüttel weit entfernt. Rund um das Glücksrad schleudern sich Jusos taxierende Blicke wie Blitze entgegen. Die Stimmung ist deutlich unterkühlt und im Nachhinein möchte nicht mehr jeder Genosse namentlich erwähnt oder zitiert werden. Nach außen ist man um Einigkeit bemüht.


Grund der Spannungen: Danial Ilkhanipour wird vorgeworfen, die Direktkandidatur für die Bundestagswahl 2009 aufgrund unkorrekten Verhaltens im Vorfeld der Wahl gewonnen zu haben. Johannes Kahrs, Sprecher des Seeheimer Kreises, soll ihn dabei unterstützt haben. Damit wird Ilkhanipours Gegner Niels Annen, stellvertretender Sprecher der Parlamentarischen Linken, in der nächsten Legislaturperiode nicht im Bundestag vertreten sein. Die Wellen schlagen hoch, denn Hamburg-Eimsbüttel ist nicht irgendein Wahlkreis. Viele Prominente und Künstler wohnen hier und die Direktkandidatin der Grünen heißt Krista Sager. Zeitweise mischte sich daher auch Franz Müntefering in die Eimsbütteler Flügelkämpfe ein.
„Gestern“, berichtet Ilkhanipour bei einer Pause unter dem SPD-Sonnenschirm „haben meine politischen Gegner sogar ein Fernseh-Team vom Satiremagazin ‚Extra3’ hierher bestellt und einen riesigen Klamauk veranstaltet, um mir zu schaden“.
Eine schwierige Gemengelage für einen jungen Politiker, der quasi über Nacht ins kalte Haifischbecken geworfen wurde. Doch das Alter findet bei dem Sohn einer iranischen Einwandererfamilie nur auf dem Papier statt. Ilkhanipour zeigt sich nicht impulsiv und spontan, sondern besonnen, aufmerksam und geduldig. Dabei wirkt er hölzern.
„Fehler kann ich mir nicht mehr erlauben“, reflektiert er. Immer alles unter Kontrolle. 110%. Die perfekte Wahlkampfshow perfektioniert der Jurist durch gekonnte Koketterie mit menschlichen Schwächen. „Achtung! Der Kandidat ernährt sich ungesund“, witzelt Ilkhanipour beim Kauf eines Burgers und erntet einen Lacher.
Eine politische Etage tiefer hat der Druck die Natürlichkeit noch nicht gefressen. Tobias Claßen (23) ist FDP-Direktkandidat für die schleswig-holsteinische Landtagswahl im Mai 2010. Doch jetzt ist Europawahl und Wahlkampf für den Politikstudenten dreckige Handarbeit.

Dutzende von Aufstellern hat er zusammen mit seinem Bruder in einer verschlafenen Siedlung seines Wahlkreises plakatiert und plaudert dabei locker über Diätpläne: „So dick wie jetzt kann ich nicht auf mein eigenes Wahlplakat!“.
Und auch der 25jährige CDU-Bezirksabgeordnete Dennis Thering erzählt ungezwungen vom Politikgeschäft: „Am schwierigsten war es, sich innerparteilich Mehrheiten zu beschaffen, ohne dass es andere merken. Bei einem Bierchen zum Beispiel“.
Nach einer halben Stunde hat Danial Ilkhanipour seinen Burger noch nicht einmal halb gegessen. Er kommt nicht dazu. „Ich weiß gar nicht, wann der noch schläft“, sagt ein langjähriger Parteifreund. Die Wahlkampfmaschine steht nie still und in einem System aus Medien, Macht und Ränkespielen hat ein 27jähriger seine Jugendlichkeit für eine professionelle Fassade verraten. So einen wie Obama kann es wohl nur einmal geben.

Montag, 8. Dezember 2008

Der Geisteswissenschaftler, das Mammut und die Keule

Geschrieben am 12. April 2008 in Sehlendorf (Deutschland):

Auch die „Generation Praktikum“ wird irgendwann erwachsen. Und dann?
Bis an die Zähne mit Magister-Titel und einem vor Praktika heiß gelaufenen Lebenslauf bewaffnet ziehen wir Geisteswissenschaftler nun also los, um das Mammut der Postmoderne zu erlegen, den heiligen Gral unser eigen nennen zu können, unsere einzige Sehnsucht endlich zu erfüllen: Es, das sagenumwobene Volontariat!
Jeder kennt jemanden, der – angeblich - eines absolviert, aber mit eigenen Augen und in freier Wildbahn hat es noch niemand lebend gesehen...

"Ich hätte auch Mathematik studieren sollen!“, steuere ich zu einer Runde Bier und kollektiven Gejammers über die Zukunftschancen für junge, engagierte, hoch motivierte und qualifizierte Geistes- und Sozialwissenschaftler bei.
„Und“, kommt der übliche Einwand „was würdest Du dann damit machen?“
„Versicherung!“, antworte ich wie aus der Pistole geschossen.
Allgemeine Heiterkeit.
Ich kann den Anlass für diese gesteigerte Ausgelassenheit nicht verstehen. Immerhin hätte ich in einer Versicherung ein gutes Einkommen und ein bequemes Leben mit Gleitzeit, voller betrieblicher Absicherung, bezahltem Urlaub, 13. Monatsgehalt. Vielleicht sogar Kinderbetreuung? Geschäftsreisen? Ich gerate ins Schwärmen.
„Und dann willst Du bis zur Rente also in einem Büro der Allianz sitzen und Kalkulationen anstellen?“, wird meinem unverständig fragenden Gesicht entgegen gehalten.
Ach so. Nee, natürlich nicht. Jetzt verstehe ich wo der Haken an der Sache ist und kann mir bei dem Gedanken daran, wie ich mit Rechnen oder gar Logik meinen Lebensunterhalt bestreiten soll, ein Grinsen auch nicht verkneifen. Mathe ist eh doof.
Und so bleibt auch mir nach dem erfolgreichen Abschluss eines geistes- und sozialwissenschaftlichen Studiums nichts weiter übrig, als mich ebenfalls auf Volontariatsjagd zu begeben. Die Konkurrenz schläft nicht und nur der Stärkste überlebt. Da heißt es also die Keule schwingen und sich mit Gebrüll ins Schlachtgetümmel werfen!

Auf der Leipziger Buchmesse schwingt meine Freundin Ann-Kathrin – ihres Zeichens junge und aufstrebende Geisteswissenschaftlerin – ihre Keule. Das literarische Schlachtengetümmel ist durchsetzt mit allerlei zivilen Raritäten: Herden an Schulklassen werden von euphorisierten Lehrern durch die Hallen getrieben, eine Spanisch-Dolmetscherin betreibt Zwei-Kanal-Kommunikation. Jungliteraten erotisieren den weiblichen Teil eines Deutsch-LKs aus der Provinz mit ihren Erzählungen aus dem hamburgischen Prekariatsmilieu. Gewalt, Tristesse, Drogen, soziale Abgründe, präpubertäre Perversionen, gescheiterte Lebensläufe. Das ist so urban, so echt, so intensiv, so-!
Eine Gruppe um die Satire-Zeitschrift „Eulenspiegel“ hat ein Kinderpappspielhaus aufgebaut und macht – warum auch immer – einen Riesenwirbel darum. Pappdach auf, Punk rein. Pappdach zu. Punk schaut aus dem Fenster. Pappdach auf, Punk raus. Laptop an. Pappdach zu. Punk rein. Ein Kamerateam der ARD filmt das Spektakel. Wahrscheinlich ist es lustig. Weiter hinten flanieren mit jeder Pore ihres Daseins Aufmerksamkeit einfordernd Manga-Fans in befremdlichen (werde ich etwa alt?) Kostümierungen: „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein!“.
Und zwischen all diesen Gestalten, das Mammut klar anvisiert, schwingt Ann-Kathrin nun ihre Keule. Gemeine Zungen würden sagen, sie ginge Klinken putzen. Mit der Geisteswissenschaftlern eigenen Beharrlichkeit und Unerschrockenheit, denn man ist es gewohnt, dass es eigentlich niemand ernsthaft interessiert, was man da betreibt, spult Ann-Kathrin den immer gleichen Spruch ab, der mit wissenschaftlicher Zuverlässigkeit in immer dem selben Dialog mündet:
„Guten Tag, mein Name ist Ann-Kathrin Schröder, ich bin Studentin. Nach dem Examen möchte ich gerne ein Volontariat in einem Verlag absolvieren und wollte mal fragen, ob das bei Ihnen möglich ist und ab wann Sie wieder Plätze frei hätten.“
„Ja, das geht. In welcher Sparte möchten Sie das Volontariat denn absolvieren?“
„Im Lektorat.“
„Ah ja, Lektorat… Ja, aber da sind alle Plätze bis Sommer 2024 vergeben.“
So oder so ähnlich. Dann gibt es meistens noch eine Visitenkarte mit dem Namen einer Ansprechpartnerin in die Hand gedrückt, dazu einen Bonsche, einen Button oder einen Aufkleber. Danke schön und auf Wiedersehen, während ich in bester Sherlock-Holmes-Manier auf das Namensschild des Verlagsmitarbeiters schiele und für Ann-Kathrin die Referenzpersonalien aufnehme.

„… und beim NDR würde ich aber zwischen 1300 und 1400 Euro verdienen“, referiere ich über die Vor- und Nachteile der einzelnen Volontariate. NDR, das ist zwar bei mehreren hundert Bewerbungen auf 18 Volontariatsstellen jährlich ein wenig größenwahnsinnig, aber irgendwer muss diese Plätze ja bekommen, warum also nicht ich? Noch bin ich optimistisch.
„Oh! Naja, das ist natürlich wenig. Aber danach verdient man dann ja ziemlich gut, oder?“, Stefan – Phillips, Gleitzeit, dreizehntes Monatsgehalt, bezahlter Urlaub, volle betriebliche Absicherung - hat irgendwas von diesen Techniksachen studiert, die ich mir nie merken, geschweige denn auseinander halten kann. Irgendetwas was von mir – wahrscheinlich fälschlich – in die Schublade mit der Aufschrift „Ingenieur“ gesteckt wurde. Und Stefan hat da was falsch verstanden. Einstein lässt grüßen.
1300 bis 1400 Euro für ein Volontariat war kein Nachteil, sondern ein absoluter Vorteil, denn das hieße, dass ich mich allein von der Vollzeitausbildung finanzieren könnte und nicht noch abends oder an den Wochenenden jobben müsste. Volontariate, bei denen man 500 oder 600 Euro monatlich verdient, sind auch bei namhaften Verlagen und Sendern keine Seltenheit.

Noch eher zaghaft schwinge nun auch ich meine Keule. Ich und mein erstes Assessment-Center, der rbb, der NDR Berlin-Brandenburgs, hatte geladen! Unter ebenfalls hunderten Bewerbern habe ich mich gemeinsam mit 31 überwiegend Mitstreiterinnen, für die letzte Runde im Kampf um den Mammutstoßzahn durchsetzten können.
Diesen Erfolg habe ich nicht etwa meinem Fleiß, meinem Talent oder meinen journalistischen Vorkenntnissen zu verdanken, sondern einzig und allein dem bedingungslosen Einsatz meiner Würde und meiner körperlichen Unversehrtheit. Für die Vorrunde musste unter anderem eine Reportage über Extremsport geschrieben werden. Und als echte angehende Reporterin habe ich das Angebot der beiden Parkoursportler, doch einfach gleich mitzumachen, direkt angenommen, ohne vorher an meine physische Prädisposition gedacht zu haben. Wenn schon, denn schon! Ergebnis des Experiments war ein spaßiger und ereignisreicher Nachmittag, den ich gekonnt mit einem Krankenhausbesuch wegen eines geprellten Fußes zu krönen wusste. Das Mammut forderte seinen Tribut!
Doch zurück nach Potsdam. Zwei Tage lang versuchten ich und meine Mitbewerber das Mammut zu bezwingen. Wie die Liliputaner Gulliver bekämpften, präsentierten, formulierten, schnitten, recherchierten und diskutierten wir auf das Gulliver-Mammut ein. Der Umgang war trotz der Konkurrenzsituation entspannt. Keiner wollte sich als unsoziales, karrieregeiles Ellenbogenarschloch outen. Und es gab nicht nur viele schöne Streicheleinheiten für das Ego, sondern ich habe dort auch die peinlichsten 45 Minuten meines Lebens durchlitten. Es war ein Ringen um Leben und Tod. Das Mammut oder ich. Hinterrücks hatte ich schon den Kopf des Mammuts erklommen und befand mich in einer einmaligen Ausgangsposition. Jetzt, mitten auf die Zwölf! Doch wo hatte ich nur meine Keule gelassen?
Gut, dies war meine erste Mammutjagd. Ich habe es zwar nicht erlegen können, aber ich war kurz davor. Mit anderen Worten: Nachrückerplatz und keiner der 16 tapfersten Krieger hat abgesagt.

Aber das nächste Mammut, das wird bestimmt meins!

Freitag, 11. Juli 2008

Holidaylandia

Geschrieben am 11. Juli 2008 in Hamburg (Deutschland):

Künstlich bescheint das Neonlicht die Inneneinrichtung des Nagelstudios nebst neongelb gekleideter Nageldesignerin. Ich bin in der Türkei.


Was mache ich hier eigentlich? Keine Ahnung. Das türkische Radio lässt eine gefühlvolle Coverversion von Come As You Are durch den abendlichen Salon erschallen:„…and I swear that I don´t have a gun…“. Das Lied passt nicht hier her und ich auch nicht.
Doch der Ort, an den ich nie gehen würde, muss erst noch erfunden werden und so sind meine alte Schulfreundin Larissa und ich den rudicarellesken Rufen unserer niederländischen Hotelgenossin gefolgt:


„Schaut määl meine neue Näigel. Soho schönn uund güünstich!“
Neue Nägel… warum nicht?


Extreme Lebenssituationen erfordern extreme Maßnahmen. So – und nur so – ist es zu erklären und zu rechtfertigen, dass ich mich eines Morgens in einer Ferienkonserve der TUI Fly wieder fand.


Mittwochmittag erkannt, dass nur ein spontaner Kurztrip in die Sonne meine missliche Lage retten kann und schon vierzehn Stunden später machten Larissa und ich uns auf den Weg zum Flughafen. Alles besser als zu Hause bleiben. Und wohin verschlägt es den kleinen Pauschaltouristen, wenn er die Koordinaten Schnell + Sonne + Günstig + Alles-andere-egal verbindet? Nach Alanya, dem orientalischen Schwippschwager El Arenals!


Alanya. Was soll ich sagen? Alanya ist kein kleiner malerischer Küstenort, wie der Beiname der Region „türkische Riviera“ fälschlicherweise vermuten lassen könnte, sondern eine Stadt mit knapp 400.000 Einwohnern. Eigentlich kein besonderer Ort, hätte nicht ein Stadtteil eine Art touristische Eigendynamik entwickelt, die kurz und knapp wie folgt charakterisiert werden kann: Erstens, man spricht Deutsch. Zweitens, es gibt von Gucci über Adidas bis hin zu Jack Wolfskin keine Marke die nicht gefälscht und in Alanyas Tourighetto feilgeboten würde. Und drittens, wer als Tourist in türkischer Lira statt in Euro zahlt, fällt auf.
Entsprechend, das Publikum. Gerade noch dem ALG II entflohen, verwirklichen sich Uschi, Kalle, Kevin und Chantalle einen Urlaubstraum mit internationalem Flair.


Quasi Jetset. Denn auf Türkei, da ist man wer! Da ist der stolze Euro so gefragt, dass man sich allen Luxus leisten kann. Wunschlos glücklich quasi: hier eine Handtasche von Prada, dort die Gucci-Brille und ein wenig später dann vielleicht noch einen neuen Puma-Dress.


Alles kein Problem! Und so sieht man auf den Straßen von Alanyas Holidaylandia mehr als einen Castrop-Rauxeler Paris-Hilton-Verschnitt durch die tristen Bettenburgenschluchten flanieren.

Doch wir finden auch ein anderes, türkisches Alanya: „Zu Fuß zur Burg hinauf laufen?“, man schaut uns an, als hätten wir gefragt, ob der Papst zum Islam konvertiert wäre. Nein, das sei viel zu weit. Zu weit? Können wir nicht finden und so stapfen wir los. In Flipflops durch die kleine Altstadt, den Hang hinauf zur Burg.


Der Weg ist nicht weit, sondern lohnenswert. Hierher kommen keine Touristen. Immer ein wundervoller Blick über die Bucht, alte windschiefe Häuser, die über den Klippen zu schweben scheinen. Ursprüngliche Idylle.


Ein leicht verrückter Belgier mit Migrationshintergrund befreit den steinigen Vorgarten seines Sommerhauses von Unkraut. Wir lernen Hamide kennen, die in ihrer Küche steht und kocht, Bauarbeiter und eine kurdische Familie, die ein Ausflugslokal für die einheimischen Familien betreibt. Der siebenjährige Sohn ist genant und fürchtet sich vor den beiden Fremden ohne Kopftuch.
Am Abend nimmt uns eine größere Gruppe von Angestellten unseres Hotels mit in eine schummerige Bar. Larissa und ich sind die einzigen Nichttürken dort. Eine Sängerin im kleinsten, hautengen Schwarzen singt, begleitet von einer kleinen Band, türkische Schlager.


Sie handeln von der Liebe, dem Meer oder Istanbul, wie uns unsere Rezeptionistin übersetzt. Alle singen mit, nur die beiden Christinnen nicht. Ich mag türkischen Schlager.
„Whoppa! Whoppa! Party-Hopper!“, erschlägt uns der grellbunte Diskotheken-Ballermann, als wir später aus der Bar wieder ins Freie treten und holt uns unsanft in die Realität zurück. Fast hätte ich gedacht, ich sei im Urlaub: „Whoppa, whoppa!“ und auf dem Rückweg schnell noch ein Paar Manolo Blahniks geshoppt.
Und was hilft gegen diesen Instanturlaubswahnsinn? Nur die Flucht nach vorne, unten! Mit dem Boot hinaus aufs Meer, Tauschschein machen.


Grandios! Ich habe ein neues Hobby und doch noch eine lohnenswerte Reise gemacht.
Und auf dem Meeresgrund, da liegen ein paar künstliche Fingernägel.


Montag, 24. März 2008

Generationenkonflikt

Fertiggestellt am 24. März 2008 in Hamburg (Deutschland):

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Donnerstag, 31. Januar 2008

Perspektivenwechsel

Geschrieben im Januar 2008 in Hamburg (Deutschland):

Wie lange stirbt ein Mensch? Ein Perspektivenwechsel aus der Agonie.


Plötzlich heult die Sirene laut auf. Zweimal. Feuer!
Doch noch im Klassenzimmer höre ich durch den Lärm, wie jemand den Schlüssel im Schloss herumdreht. In der Ferne fällt eine Tür zu und Schritte kommen durch den Korridor näher. Wir sind eingeschlossen. Ich verkrieche mich unter dem nächsten Tisch, presse die Hände vor die Augen und warte. Es wird still. Nach einer Weile berührt jemand vorsichtig meine Hand.
„Guten Morgen… guten Morgen, Frau Kuhn“, sagt eine leise Stimme zieht dabei das O ein wenig.
Kuhn, Kuhn, wer war denn noch mal Frau Kuhn? Kuhn. War das nicht dieser… der Tanztee im Frühling… die Pause… und am Abend… ich wollte sehen, was sie tun würden… das K.O.-Kriterium, ich hatte verloren… aber, das war doch… woanders… nein, später?
Ich blinzele. Schemenhaft flackert das Bild einer jungen Frau vor mir auf.
„Guten Morgen“, wiederholt die Stimme.
Guten Morgen. Ich öffne die Augen und blicke in ein Gesicht, das sich über mich beugt. Das Gesicht habe ich schon einmal gesehen. Seine Augen lächeln freundlich, fast liebevoll und ein wenig belustigt. Ich bin aufgewacht.
„Na, Frau Kuhn, haben Sie noch geschlafen?“, fragt mich die Deern, zu der das Gesicht gehört. Oh, ich habe geschlafen. Geträumt? Nein, aufgewacht. Ich liege im Bett und schaue mich um. Dies ist das Wohnzimmer meiner Eltern. Dort in der Ecke pocht die alte Standuhr. Warum wache ich im Wohnzimmer meiner Eltern auf? Von meinem Bett aus schaue ich direkt in den Garten. Das ist schön. So friedlich. Eine Krähe landet im Wipfel einer der Ulmen. Nach dem Frühstück werde ich Vater fragen, ob ich im Garten spielen darf. Ich will zu meinem Versteck gehen, am Abhang hinter der Laube: ein grüner Smaragd, Tannenzapfen, ein Klumpen Gold, der Farntunnel und eine Nachttischlampe neben dem Bett.
Das Bett ist ein Fremdkörper. Es passt nicht ins Wohnzimmer. Es ist neu, aus hellem, lackiertem Holz und steht mitten im Raum. Ich schwebe höher als gewöhnlich über dem Erdboden und nur die Gitterstäbe an den Bettkanten links und rechts von mir retten mich vor einem Sturz in die Tiefe. Mir wird schwindelig. Ich falle. Und falle immer weiter. Das Blut rauscht in meinen Ohren. Ich lasse los. Jetzt. Gleich geschafft. Gleich. Hinter mir höre ich das Knacken eines Kugelschreibers, mein Flug endet jetzt, ich höre auf zu fallen, auf zu fliegen und spüre wieder, wie mein Körper schwer auf der Matratze aufliegt.
Die Matratze. Sie lebt. In regelmäßigen Abständen schnaubt und knackt sie. Kurz darauf regt sie sich unter mir und eine kaum wahrnehmbare Welle, vom Fußende des Bettes kommend, fährt meine Beine, den Rücken und die Schultern hinauf bis zu meinem Kopf. Pffft, macht die Matratze. Knack, knack, pfffft. Ein Monstrum. Knack, knack pfffft.
Ich bin so müde. Trotzdem öffne ich wieder die Augen. Hier im Zimmer ist es ruhig. Sehr ruhig. Nur die Standuhr, dak, dak, dak, dak und das Knackknackpffft der Matratze. Regelmäßig. Ruhig. Ich bin schwach, mein Herz schlägt kaum mehr wahrnehmbar. Fast ist es, als sei mein Pulsschlag in halbem Tempo an das Schwingen der Zeit gekoppelt. Dak -- dak -- dak --
„So, Frau Kuhn, denn wüllt wi man.“
Die Deern. Ihr Tatendrang schlägt eine Schneise in das dichte, schwere Schweigen des Raumes, in dem ich bin. Um uns herum, auf dem Tisch neben dem Bett und am Fußende hat sie eine Menge Utensilien aufgebaut: Zwei Schüsseln, daneben je ein Handtuch, ein Müllbeutel, leer und bereits weit geöffnet, eine Rolle Klopapier, eine Box mit feuchtem Toilettenpapier, eine Tube mit Creme, eine riesige Windel, bereits auseinander gefaltet, eine weiße Stoffunterlage. Die Deern trägt dünne gelbliche Handschuhe.
„Ich nehme dann mal die Decke beiseite“, sagt sie und legt meine Zudecke auf den Sessel neben dem Bett. Es wird kalt und eine fäkale Geruchswoge entsteigt der flüchtigen Bettwärme.
„Nein!“, rufe ich und versuche das trügerische Gefühl der Decke auf meinen Beinen zu erreichen und greife ins Leere. Es stinkt.
„Das ist nicht angenehm, ich weiß, aber das muss jetzt kurz sein. Dauert auch nicht lange. Nur einmal sauber machen und dann ist dafür wieder alles schön frisch“, die Deern klingt ein wenig gequält, aber bestimmt.
Waschen. Richtig. Jeden Morgen kommen sie und waschen mich. Ich erinnere mich. Jeden Morgen. Krankenhaus? Nein, dies ist nicht das Krankenhaus. Meine Schwester. Dies ist das Haus meiner Schwester. Gleich wird sie die Treppe hinunter kommen, das Baby auf dem Arm. Sie legt die Lütte in den Kinderwagen und setzt sich zu mir auf die Terrasse. Es ist warm und wir reden. Wir drei. Dort. Sie ist nicht meine Freundin. Es hat nur den Anschein. Keinen Mucks. Sie nicht reizen, ihren Jagdinstinkt nicht wecken. Sie ist aus Marmor: hart, kalt, herzlos und von verführerisch blendender Oberflächlichkeit. Das Baby gluckst und da, die Uhr unserer Eltern. Das Wohnzimmer.
Das Kopfteil meines Bettes ist ein wenig hochgestellt und so schaue ich an mir hinab. Unten staken ein Paar kraftloser, deformierter Beine aus einer fliederfarbenen Plastikwindel. Meine Beine? Meine Windel? Alte Beine und Windel. Urin und Kot. Es stinkt. Ich, meine Beine, meine Windel, mein Urin, mein Kot. Ich liege im Bett. Ich bin alt, nass und zu müde um mich zu rühren. Ich bin nicht Herr meines Körpers. Aber der Wille ist da. Ich bin da.
Die Deern hat die Bettgittergrenze zwischen ihr und mir hinab gelassen. Jetzt nimmt sie die Fernbedienung, die an der Bettkante hängt, und kündigt mir an, das Bett nach oben und das Kopfteil nach unten zu fahren. Das surrende Geräusch des Motors. Ich liege nun flach auf dem Rücken und throne hoch oben im Nirgendwo zwischen Fußboden und Decke.
Die Deern schaut mich an und sucht mit ihrem Blick mein Einverständnis. Ich gebe es ihr wortlos. Sie sagt: „Ich mache jetzt die Hose auf.“
Sie zieht die vier Klebestreifen an der Windel ab. Sie stellt mir die Beine ein wenig breitbeinig auf, zieht die Windel von meinem Bauch und legt den oberen Teil zwischen meinen Beinen auf das Bett ab. Der Geruch meines Kots erfüllt den Raum. Ich kann mich nicht bewegen.
„Gut Frau Kuhn, dann einmal auf die Seite drehen“, ihre Stimme ist ruhig und sachlich.
Routine. Mit dem linken Arm ergreife ich das rechte Bettgitter, während mich ihre Latexhände an Knien und Hüfte erfassend auf die rechte Seite drehen.
„Sehr schön, das klappt ja prima“, sagt sie beinahe emotionslos.
Mit dem Gesicht zur Wand, das Bettgitter immer noch umklammert, lasse ich die morgendliche Prozedur über mich ergehen, deren Handgriffe durch die Stimme der Deern angekündigt werden: Sie nimmt die Windel und legt die beschmutzten Seiten aufeinander. Dann gibt es einen kleinen Ruck und sie zieht den Rest der Windel unter meiner rechten Hüfte heraus. Feines Plastik knistert und der Gestank beginnt sich zu legen. Klopapier wird abgerissen, einige Male. Klopapier wischt an meinem Gesäß und der Gesäßfalte, einige Male. Feines Plastik knistert, einige Male. Wasser plätschert in einer Schüssel, ein Waschlappen wird ausgewrungen. Warm, feucht und nach Waschlotion duftend fährt der Lappen über mein Gesäß und die Gesäßfalte. Dann abtrocknen.
„Gleich geschafft, Frau Kuhn“, sagt die Person hinter mir.
Gleich geschafft. Wer spricht? Wie lange noch? Noch Tage? Stunden? Monate? Wann werde ich es geschafft haben? Wie lange liege ich hier schon? Monate, Jahre, Wochen, Tage? Und wohin dann? Jetzt bin nicht mehr ich es, die sich in der Zeit bewegt, sondern die Zeit bewegt mich. Ich werde loslassen, wenn die Zeit mich loslässt.
Morgens waschen, die Deern. Nun schmiert sie kalte Creme auf meinen Steiß und reibt sie ein. Watte und Plastik rascheln und ein kühler Wulst wird unter meine rechte Seite geschoben. Die Deern kündigt an, mich wieder auf den Rücken zu drehen. Ich lasse das rechte Bettgitter los, rolle zurück und komme auf der wattierten Oberfläche einer neuen Windel zu liegen. Schon habe ich einen dampfenden Waschlappen in der Hand und wasche wie jeden Morgen meinen Intimbereich selbst. Selbstbestimmtes Handeln, wie klein mein Radius ist. Waschlappen und Handtuch tauschen ihre Plätze. Danach fasst mich die Deern unter meine rechte Hüfte, dreht mich kurz einige Zentimeter zu sich hin und zieht den fehlenden Teil der Windel unter mir hervor. Sie legt die obere Hälfte der Windel auf meinen Bauch und vier Klebestreifen beenden eine weitere Runde des immer gleichen Ablaufes.
„So“, die Deern klingt erfreut. „Jetzt nur noch oben herum waschen.“
Die Deern und ich halten uns an den Schultern fassend umschlungen. Sie lehnt sich zurück und zieht meinen Oberkörper durch ihr eigenes Gewicht in eine sitzende Position. Mit einer Hand hält sie mich aufrecht, während sie mir mit der anderen Hand das Nachthemd über den Kopf zieht. Dann lässt sie mich wieder auf die Matratze zurücksinken. Anstrengend. Jetzt wäscht sie mich, ich wasche mein Gesicht, sie cremt mich ein, ich kämme meine Haare. Eigenständig handeln. Was noch geht. Ein frisches Nachthemd. Wieder werde ich angehoben, mir das Nachthemd über den Kopf gezogen. Hinlegen. Liegen. Kopfteil hoch-, Bett runterfahren. Die Deern läuft geschäftig hin und her und räumt auf. Nun erfüllt der beißende Geruch von Desinfektionsmittel den Raum. Ich, ein Infekt.
Gleich wird die Deern mit dem Frühstück kommen: eine Scheibe Rosinenstuten mit Butter, ohne Rinde und in kleine Stücke geschnitten, ein Becher dünner Kaffee mit Milch und Zucker und ein Glas Wasser in einem Schnabelbecher. Sie wird es auf dem kleinen Rolltisch über meinem Bett aufbauen, sich mir gegenüber setzen und mir mehrfach von allem anbieten. Ich werde ablehnen. Alles. Auch das Wasser. Ich bin müde.
Jetzt sitzt mir die Deern gegenüber, den Rücken zum Fenster. Zwischen uns das Frühstück. Ich habe es abgelehnt, auch das Wasser. Die Deern kann nichts mehr für mich tun. Aber sie bleibt. Sie schweigt und sitzt und atmet und trägt meinen Atem. Sie ist ein Widerstand im Raum, der mich reflektiert und so spüre ich, dass ich existiere. Ich atme und die Deern schweigt und sitzt mir gegenüber und atmet und trägt meinen Atem. Jetzt könnte ich loslassen. Jetzt bin ich und die Deern trägt meinen Atem. Ich würde meinen Atem loslassen und gehen und es würde nichts ausmachen, denn die Deern ist da und trägt meinen Atem einfach weiter. Jetzt könnte ich loslassen. Jetzt. Jetzt werde ich…
„Ich werde jetzt gehen, Frau Kuhn“, sagt die Deern, steht auf und gibt mir meinen Atem zurück. „Bis morgen dann.“


Sonntag, 6. Januar 2008

Pflanzen an die Macht!

Folgendes Gesprächsprotokoll fand ich heute nachmittag auf der Innenseite einer Packung "Sweet Chai - Ayurvedische Gewürzteemischung" der Marke "YogiTee":

"Gespräch mit Frucht-Devas

vom 1. Februar 1964

'Glücklichsein ist grundlegend wichtig - ein Geheimnis, das dem Menschen fremd wird, wenn sie ihrer Gier nach Besitz und Macht folgen. Wir wünschen, jedes menschliche Wesen würde uns zuhören und verstehen, dass nichts wert ist, getan zu werden, was nicht mit Freude getan wird, dass bei jeder Tat die Strahlungen der Motive, die nicht aus Liebe und Freude kommen, die Ergebnisse verderben. Könnt ihr euch eine Blume vorstellen, die aus Pflicht entstand, die dann die Herzen der Betrachter beglückte? Nein, sie würde nicht die richtige Aura haben. So tanzen wir durchs Leben und schaffen, immer schöpferisch, und hoffen auf eure Mitarbeit.'

Dorothy Maclean, Mitbegründerin der Findhorn Gemeinschaft, erlernte die Fähigkeit, mit Pflanzen Devas zu kommunizieren und dokumentierte diese Gespräche. (Heyne 9722)"

Was für eine tiefgründige Frucht-Devas! Ich versuche seitdem Kontakt zu meinem Drachenbaum aufzunehmen, um herauszufinden, ob er die philosophischen Ansichten der Frucht-Devas teilt. Bislang leider ohne nennswerte Resultate...

In diesem Sinne!

Samstag, 5. Januar 2008

Entschuldigen Sie, wo bitte geht es hier zu mir selbst?

Geschrieben am 7. Juli 2005 in Hamburg (Deutschland):

"Ich habe gehört, du fährst bald auf so einen Selbstfindungstrip?“ wurde ich neulich begrüßt. Selbstfindungstrip?! Ich war peinlich berührt...

...und fühlte mich irgendwie - ertappt! "Nun ja“, stammele ich und murmele etwas von „zehn Monate…Lima…La Paz…Santiago…Feuerland…Lebenstraum…Buenos Aires…lange gespart und so."Mit Trip bin ich soweit also einverstanden. Aber Selbstfindung? Das klingt nach Männergruppe („Klaus-Dieter, ich glaube du unterdrückst das innere Kind in dir.“) oder diskurstheoretischer Vaginalkunst. Und überhaupt: Heißt Selbstfindung nicht auch, dass ich mich selbst verloren habe oder schlimmer: noch nie gefunden? Schwang da etwa der Vorwurf mit, ich sei in der Postpubertät versackt und erst eine lange Reise in ferne Lande würde mir die nötige Reife verleihen, gemäß der Gleichung: Finden = Wissen = Gewissheit = Bewusstsein, also Selbstfindung = Selbstbewusstsein? Jemand der sich selbst gefunden hat, der ist zielstrebig, der kennt seine Stärken und Schwächen, den plagen keine Zweifel und sicherlich ist er oder sie der ganz große Checker. Ich selbst kann trotz meiner 25 Lenze nicht behaupten, diese Kardinalstugenden des 21. Jahrhunderts in mir vereint zu haben. Ich zweifle ständig an allem und jedem, fünf Jahre diffuser Uni-Wust haben mein Lebensziel bislang nicht zu Tage fördern können, ich staune immer wieder über mich selbst und wo der Frosch die Locken haben soll, bleibt mir bis heute verborgen. Wäre da nicht dieser Versagensängste hervorrufende Beigeschmack, würde ich sagen, dass mir ein wenig Selbstfindung gar nicht schaden könnte. Und, ja klar will ich auf meiner Tour was erleben und beabsichtige, mein Selbst davon nicht auszuschließen. Bleibt die Frage, was genau ein erfolgreicher Selbstfindungstrip beinhalten muss: Werde ich orangefarbene Kutten tragen und wird mir von Zeit zu Zeit ein „Hare Krishna“ entfahren? Werde ich mich gegrilltes Meerschweinchen essend in einem Fass die Iguazú-Fälle hinabstürzen oder mich nackt im Urwald aussetzen lassen, um das Balzverhalten der Argusfasane zu erforschen? Ist „Selbstfindungstrip“ eigentlich eine Beleidigung? Hoffentlich werde ich mich beim Anblick meiner selbst nicht erschrecken! Und dann? Ende gut, alles gut? Oder sollte ich mich gar trotz Trip nicht finden? Ich bekomme Magenschmerzen.

„Ja, weißt du“, schwafelt mein gleichaltriges Gegenüber weiter, „seit meiner Hochzeit bin ich selbst viel gefestigter! Das hat mir auch im Büro noch einmal ein ganz anderes Auftreten verschafft. Fehlen nur noch die Kinder…“. Ich stutze: Hochzeit und Büro? Kinder?! Plötzlich finde ich es gar nicht mehr so übel, mit 25 Jahren noch auf der Suche zu sein. In Wahrheit will ich einfach nur eine gute Zeit haben!

Sonntag, 25. November 2007

Parkour oder Extremsport liegt im Auge des Betrachters

Geschrieben am 25. November 2007 in Hamburg (Deutschland):

Spätestens seit „Casino Royale“ ist Parkour in aller Munde. Die grazile wie kraftvolle Bewegungsform fasziniert mit spektakulären Sprüngen über Hochhausdächer und fluchtartigen Szenen durch die surrealistischen Kulissen der Pariser Banlieue. Mary Poppins „Dachfirsttanz“ trifft Spiderman. Doch was steckt wirklich hinter Parkour? Ein Bericht von der Basis.

Bild: Keno Roskam; Traceur in der Speicherstadt

St. Pauli Landungsbrücken – Barkassen, Löschkräne und die Docks von Blohm & Voss liegen friedlich im nachmittäglichen Schmuddelwetter. Möwen kreischen. Inmitten dieser Hafenidylle ziehen zwei Jogger an den wenigen Touristen, die auf der Promenade oberhalb der Fähranleger spazieren gehen, vorbei. Die Läufer erreichen das Ende des Weges, eine Gitterbalustrade, die die Passanten vor einem Sturz auf den etwa eineinhalb Meter tiefer gelegenen Weg schützen soll. Doch anstatt umzukehren, überspringen die Jogger - diese Sackgasse urbaner Architektur ignorierend - behände das Gitter, fliegen für Sekunden, landen in gehockter Position sicher auf der Erde und setzten ohne inne zu halten ihren Weg fort.
„Ehy! Pakuä!“, johlen von oben einige Halbstarke. „Das kann ich doch auch!“ Kannst Du?
Parkour wurde in den 1980er Jahren von einer Gruppe Jugendlicher um den heute 34jährigen David Belle aus der von Georges Hébert Ende des 19. Jahrhunderts erfundenen „Méthode Naturelle“ weiterentwickelt. Dabei übertrugen die Pioniere des Parkours die auch von französischen Vietnamsoldaten genutzten Methoden einer effizienten Flucht auf die Betonwüsten der Pariser Vorstädte.

Bild: Sarah Nitschke; Keno und Till am Hafen

Keno und Till – die beiden „Jogger“ – trainieren Parkour seit etwas über einem Jahr. Sie haben das Warmlaufen beendet und sind an einem ihrer Trainingsorte angekommen. Die gerüstartigen Treppenkonstruktionen, die vom Hafen zur U-Bahnstation „Baumwall“ hinaufführen, geben den beiden Traceuren, wie Parkour-Sportler genannt werden, die Gelegenheit verschiedene Techniken zu üben: balancieren und vor allem Sprünge. Affengleich, athletisch und hochkonzentriert turnen der Medizinstudent und der Zivildienstleistende über, unter und durch den Treppenaufgang, darauf bedacht ihre Bewegungen zu optimieren: rasch, effizient, fließend und elegant wollen sie die Hindernisse des urbanen Lebensraumes überwinden. Die Stadt wird zum Sportgerät.
Till springt auf eine über zwei Meter hohe Brüstung und verkürzt so seinen Weg um viele wertvolle Sekunden. Durch Parkour, so der 18jährige, teste und erweitere er die Grenzen seines Körpers und seiner Umwelt. Für ihn geht es bei Parkour um die Hindernisse, die ihm die Stadt stellt und die Art, wie er sie überwinden kann.

Bild: Keno Roskam; "Passement" -
Überwindung des Hindernisses

Die Sprünge der beiden, die alle drei Raumdimensionen ausschöpfen verkürzen Distanzen. Schnell sind die Bewegungen. So schnell, dass Details verschwimmen. Was bleibt ist das Bild eines Flüchtenden. „Durch Parkour erlerne ich natürliche Bewegungen, die für den Ernstfall, die Flucht, nützlich sind. Außerdem ist Parkour Freiheit pur! Ich bewege mich wie und wo immer es mir gefällt“, ergänzt Keno.
Andere Traceure wie der ebenfalls 18jährige Bjarne sehen in Parkour auch eine Art des Protestes: „Parkour ist ein wenig Rebellion gegen Normen wie die Begrenzungen die uns die künstliche Umgebung vorschreibt und vor allem gegen gesellschaftliche Sichtweisen. ‚Das ist gefährlich!’ oder ‚Mach nichts kaputt!’ sind Einschränkungen, die sind verständlich aber ‚Das macht man nicht’ ist zum Beispiel ein Satz, den ich nicht abkann.“ Dennoch gehört zu den Grundsätzen von Parkour auch, dass die Sportler ihren Mitmenschen und ihrer Umwelt mit Respekt und Achtsamkeit begegnen. Und so kommentieren die Passanten unaufgeregt und interessiert das Training von Till und Keno: „Guck mal, wie die klettern können!“, sagt ein Mann um die sechzig zu dem Kind, das er an der Hand halt. Kein Schimpfen, keine Empörung, keine Polizei.
Bild: Sarah Nitschke;
Keno beim "Passement Mureille"
Unterhalb einer 3,2 Meter hohen Mauer atmet Till tief durch, visiert sein Ziel an, nimmt Anlauf, stoppt abrupt, geht zur Ausgangsposition zurück. An den verschiedenen Mauern unterhalb des Michels trainieren Till und Keno den „Passe Mureille“, eine Grundbewegung zur Überwindung einer Mauer. Till lockert sich, konzentriert sich und nimmt erneut Anlauf. Dann der Absprung gegen die Mauer, doch die Hand schon auf der Kante, rutscht er wieder ab.
„Parkour ist wie ein Spiegel immer hart und unverfälscht zu Dir“, reflektiert Steven Käser, Schweizer Parkour-Profi und Mitbegründer der deutschsprachigen Parkour-Plattform ParkourONE. „Es konfrontiert Dich mit Dir selbst im Prozess des Überwindens eines Hindernisses: Wie hast Du das Hindernis gemeistert? Wieso hast Du es erst umgangen? Warum hattest Du Angst? Wie hast Du diese Angst bekämpft? Parkour kann Dir einen Weg zu dir selbst zeigen, wenn Du bereit bist zuzuhören. Wenn ich Parkour ausübe, dann spüre ich, dass ich lebendig bin und spüre die Welt um mich herum intensiver.“

Bild: Sarah Nitschke;
Till beim Balancieren
Ruhig und ganz bei sich steht Keno auf einer kleineren Mauer, ungefähr einen Meter über dem Asphalt. Der 24jährige geht in die Knie, stößt sich ab und landet mit einem Schlusssprung auf einer höher gelegeneren Mauer. „Saut de précision“ – Präzisionssprung heißt diese Bewegung, mit der er in einem Satz je einen guten Meter Breite und Höhe überwunden hat.
„Adrenalin? Nein, Adrenalin“, sagt Keno, „spielt keine Rolle. Es stört nur die Feinmotorik. Ständig unter Adrenalin könnte ich Parkour nicht ausüben. Wichtiger ist, sich nie zu überfordern und immer sicher zu sein. Nur die besten Traceure trainieren in großen Höhen. Es geht nicht um spektakuläre Stunts, Angeberei oder darum, wer der Beste ist. Daher finde ich nicht, dass Parkour eine Extremsportart ist. Ich halte mich damit fit. Nicht mehr und nicht weniger.“
Bild: Sarah Nitschke;
Keno an der Garage

Bereits auf dem Heimweg vom Training fällt Tills Blick auf eine Garage in einer Häuserschlucht, wie es sie zuhauf gibt: „Da müssten wir auch mal rüber!“.
Gesehen, getan. Denn Parkour ist mehr als eine weitere Trendsportart. Parkour ist ein Blickwinkel, ein Stück Straßenkultur und der Dialog zwischen Sportler und Stadt.

Sonntag, 8. Juli 2007

Die Moral von der Geschicht´

Geschrieben am 8. Juli 2007 in Hamburg (Deutschland):

Nun bin seit bereits unglaublichen 10 Monaten wieder in Deutschland. Wo ist nur die Zeit geblieben? Einen Umzug, eine Magisterarbeit, drei Mitbewohner, einen Geburtstag und einen deutschen Winter später ist aus gegebenem Anlass nun der Augenblick, mein Jahr in Lateinamerika zu resümieren.

Was soll ich sagen? Deutschland hat wirklich seine Vorteile. Gut, das Wetter gehört nicht dazu, aber der Alltag ist grüner, die Stadtluft sauberer, die Familie näher, das Essen leckerer, die Armut geringer und die Dinge, die ich brauche, einfacherer zugänglich. Trotzdem kann ich nicht leugnen, dass mich das Heim- oder Fernweh (das kommt auf den Blickwinkel an) doch dann und wann packt, und dann sehne ich mich meistens nach den Menschen, die uns Nordeuropäern in zumindest vier Dingen einiges voraus habe: Gelassenheit, Lebensfreude, Herzlichkeit und Offenheit.

Die beinahe schon sprichwörtliche Gelassenheit der Latinos („Mañana!“) hat wohl schon so manchen Gringo zur Verzweiflung gebracht. Doch man muss sich einlassen auf das veränderte Tempo, nicht umsonst sind hierzulande Ratgeber, die „Entschleunigung“ predigen ein Verkaufsrenner. Denn siehe da, auch wenn nicht immer alles sofort und 100%ig funktioniert, so geht die Welt davon nicht unter. Wenn der Busfahrer auf einer 14-stündigen Busfahrt durch einen Ort kommt, in dem einer seiner Kumpel eine Party schmeißt, dann bleibt er dort ein Stündchen und alle kommen eben etwas später an. Na und? Zeit ist nicht Geld, sondern Lebensqualität. Brechen die Holzkähne, die als Fähre über einen Flussarm dienen, beinahe zusammen, dann werden eben die Passagiere auf ein sichereres Bötchen geladen und getrennt vom Bus übergesetzt. Wo ist das Problem? Das Leben läuft auch jenseits von sklavischen Zeitplänen und TÜV-Bestimmungen. Das Loslassen von europäischen Maßstäben hat einen entschiedenen Vorteil: die Erwartungen sinken auf ein Minimum und das erhöht die Zufriedenheit. Wer nichts erwartet kann auch nicht enttäuscht werden. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Deutschen ein Volk der Meckerer, Beschwerer und Nörgler sind. Warum eigentlich? Ich finde nicht, dass wir großartig Grund haben, uns zu beschweren.
Obwohl – Geld macht nicht glücklich, das ist bekannt. An materiellem mangelt es uns nicht, aber vielleicht etwas an Lebensfreude. Mich hat es immer wieder fasziniert, wie selbst diejenigen, die in meinen europäischen Augen aufgrund ihrer Armut sehr unglücklich sein müssten, so viel Lebensfreude ausstrahlen konnten. Ich denke, dass wer nicht viel hat, versucht aus dem, was ihm bleibt das Beste herauszuholen. Wer sich keine Gedanken machen braucht, welches Navigationsgerät er sich anschafft, der hat Zeit, um vielleicht einen Plausch mit seinem Nachbarn zu halten. Und da Materielles nicht glücklich macht, ist der Klöner vielleicht zufriedener als der Autofahrer. Wer hart arbeitet und kaum Freizeit hat, der genießt diese vielleicht intensiver. Vielleicht ist der Tänzer zufriedener als der Shopper. Müssten wir weniger besitzen, um glücklicher zu sein?
Ebenfalls beeindruckt hat mich die offene Herzlichkeit, mit der man mir immer wieder begegnet ist. Sicher kann ich nicht immer unterscheiden, inwieweit die mir entgegengebrachte Sympathie mir oder meiner Kaufkraft galt. Hinzu kommt auch, dass ich als Weiße und Europäerin eine Exotin war, der man oft mit einer freundlichen Neugier begegnet ist, die man für eine Landsmännin verständlicherweise nicht erübrigt hätte. Gepaart war die Neugier mit einigen Vorurteilen, die mir immer wieder begegneten, wie zum Beispiel dem, dass ich superreich wäre. Für viele Menschen war die Tatsache, dass ich es mir leisten konnte in einem Restaurant zu essen gleichbedeutend damit, dass ich mir auch ohne weiteres für 500 Dollar einen Flug auf die Osterinseln leisten könnte. Dennoch – ich meine auch beobachtet zu haben, dass insgesamt die Menschen in Lateinamerika auch untereinander herzlicher miteinander umgehen. Dies merkt man insbesondere im Familiären. Die Familie hat dort – so wie ich es oft empfunden habe – einen für uns manchmal kaum noch nachzuempfindenden Stellenwert. Familienmitglieder kommen immer an erster Stelle und die Sorge um sie kommt oft einer Selbstaufgabe gleich. Kinder und Mütter werden uneingeschränkt geliebt und gelobt. Ich glaube, persönliche Kritik an den eigenen Kindern oder der eigenen Mutter, die über erzieherische Ermahnungen wie Tischmanieren etc. hinausgehen sind weitestgehend unbekannt. Einerseits habe ich diesen sehr liebevollen Umgang miteinander als sehr schön empfunden, allerdings war er mir an anderen Stellen auch oft zu unreflektiert und unkritisch. Und auch ich als Fremde kam mehr als einmal in den Genuss einfach aufgenommen zu werden und für eine begrenzte Zeit einfach dazu zugehören, ohne dass ich irgendetwas leisten oder mich sonst wie beweisen musste. Wahrscheinlich habe ich mich wegen dieser akzeptierenden Herzlichkeit in dem ganzen Jahr kaum einsam gefühlt.
Mit jemandem ins Gespräch zu kommen war nie schwer. Mir erscheinen „die Latinos“ wesentlich offener als wir Nordeuropäer. Wo man zusammen kommt, sei es in der Kneipe oder im Wartesaal eines Busbahnhofes, unterhält man sich wesentlich schneller mit Fremden, als hier zu Lande. Mehrfach wurde ich Zeugin, wie sich aus einfachen Small Talks erhitzte Diskussionen entfachten, in die sich immer mehr und mehr bis dahin unbeteiligte Fremde einmischten. Die Dynamiken waren überwältigend und für mich gänzlich neu.

Wie schön wäre es ein wenig mehr Gelassenheit, Lebensfreude, Herzlichkeit und Offenheit nach Europa tragen zu können. Aber letztlich bin ich auch „nur“ eine distanzierte, verhaltene aber auch zuverlässige und treue europäische Seele, die geprägt wird, durch das was sie gerade umgibt. So ist das wohl.

Tja, und nun habe ich ihn doch noch geschrieben, den Artikel über die generalisierenden Vergleiche, gegen den ich mich immer gewehrt habe.

Donnerstag, 17. August 2006

Herbergseltern und Menschen in Bussen

Geschrieben am 14. August 2006 in Santiago (Chile):

Herbergseltern und Busnachbarn waren auf meiner Reise ebenso interessante wie selbstverständliche Bekanntschaften. So selbstverständlich, dass ich von diesen Menschen eigentlich nie Fotos gemacht habe. Sie waren einfach da. Und dann fuhr ich weiter. Eine herzliche Verabschiedung, gute Wünsche werden mit auf den Weg gegeben, ein letztes Mal gewunken und das war´s dann. Augenscheinlich. Doch genau diese flüchtigen, beiläufigen Begegnungen waren am aufschlussreichsten. Die Wahrheit liegt wohl im Detail.

Auf einer Busfahrt in Bolivien beispielsweise, hatte ich einige Stunden eine Bolivianerin als Sitznachbarin, die nicht viel älter als 50 Jahre zu sein schien. Aber Indígenas hatten für mein ungeschultes, europäisches Auge zumeist ohnehin nur drei Alter: Kind, Erwachsener und Greis. Meine Sitznachbarin, in ihrer traditionellen und sehr einfachen Kleidung, erzählte nun also klar und munter von ihrer Familie: acht Kinder, 26 Enkel und sogar einen Urenkel gäbe es bereits. Und alle seien mehr oder weniger wohl geraten, sicherlich, der eine oder andere mache mal Sorgen, aber im Großen und Ganzen ginge es schon einigermaßen. Glück hätten ihre Kinder gehabt. Alle hätten gut geheiratet, keiner der Männer würde über das Maß trinken oder prügeln, die Ehefrauen seien alle sehr sittsam und sauber. Eine gute Familie. Arm ja, aber eine anständige Familie! Nun sei sie auf dem Weg nach Oruro, um ihren Sohn und seine Familie zu besuchen, die sie seit acht Jahren nicht gesehen hätte, des Geldes wegen. Das kleine Stückchen Land in den Bergen werfe eben nur das Nötigste ab und manchmal noch nicht einmal das. Ich drücke mein Bedauern darüber aus, dass sie aufgrund finanzieller Schwierigkeiten ihre Familie so wenig sehen kann. Nun bin ich an der Reihe und erzähle von meiner Familie und meinem Leben in Deutschland: dass ich keine Geschwister habe, dass meine Eltern sich getrennt haben und dass beide wieder geheiratet haben. Für mich, ist dies eine Familiengeschichte von vielen, nichts besonderes, für mein Gegenüber jedoch, ein Anlass zu herzlicher Anteilnahme: „Du Arme!“, ruft sie bestürzt. „Da möchte ich aber nicht mit Dir tauschen!“
Es entstand eine Pause, während der ich dachte, dass ich auch nicht mit ihr tauschen möchte. Und einvernehmlich schweigend freuten wir uns unseres bescheidenen Glücks.

In Puerto Wiliams wohnten Susann und ich – äußerst gemütlich – in einem kleinen Zimmer mit Bad und Kaminofen, das uns ein chilenisches Ehepaar vermietete. Im ersten Stock des Hauses, betrieben die beiden ein „Restaurant“ mit Meerblick, das ich eher als einen Aufenthaltsraum mit eingeschränkter Bewirtung bezeichnet hätte. Spezialität des Hauses: Bieber (etwas knochig und mit leichtem Wildgeschmack). Der Mann war früher beim Militär und nun, nach der Pensionierung, versuchen sie sich durch den Tourismus über Wasser zu halten. In den siebziger Jahren, so erzählte er, hätte er sieben Monate bei der Bundeswehr in Kiel zu Fortbildungszwecken verbracht. Unser rauer, aber sehr herzlicher Vermieter, der uns morgens im täglichen Wechsel mit seiner Frau ganz rührend fürsorglich das Frühstück servierte, konnte noch genau einen deutschen Satz, der in jeder Lebenslage hilfreich sein muss. Er lautete: „Sing!, mein Freund!“

Die Vermieter des Praktikantenhauses in La Paz, waren so arm, dass sie monatelang in ihrem Ferienhaus in den subtropischen Yungas verbringen mussten. Verständlich, dass sie mit uns um jeden Boliviano feilschen mussten, uns die Mietpreise falsch berechneten, Wechselgeld nicht wiedergaben und gerne mal am Samstagmorgen um 8Uhr wild gegen die Zimmertüren hämmerten, um die Miete einzutreiben. Johnny, der Junge, der als „Mädchen für alles“ gnädigerweise in einer Art Loch unter unserem Trakt wohnen durfte, wurde eigentlich mehr wie ein Sklave gehalten. Unsere Vermieterin beschwerte sich gerne darüber, wie undankbar er doch sei, nach allem, was sie für ihn getan hätte! Auch kleineren Reklamationen unsererseits, dass es zum Beispiel nicht ein brauchbares Messer gäbe, wurden erst nach Drohungen mit kollektiven Auszug Beachtung geschenkt und die Messer mit dem Aufsehen eines Staatsaktes zum Schleifen gebracht. Doch eines schönen Sonntags, den wir alle außerhalb La Paz´ verbracht hatten, wendete sich das Blatt. Als wir ins Haus zurückkamen, fanden wir alle unsere Zimmer frisch gestrichen vor. Auf Abdeckplanen oder ein Ausräumen unserer Sachen hatte man jedoch verzichtet und dankenswerter Weise die Türen zu den Zimmern, in denen sich Pässe, Laptops und Kreditkarten befanden offen gelassen, damit die Dämpfe der Lackfarbe ausdünsten könnten. Unsere Empörung über diese Überrumpelungsaktion stieß auf Unverständnis. Anlaß der Verschönerungsaktionen war die Mitarbeiterin der deutschen Handelskammer, die sich zur jährlichen Inspektion angekündigt hatte. Im Rahmen der Konstruktion dieses potemkinschen Dorfes wurden wir auch alle acht zum Essen bei den Señores in ihrem feinen Repräsentierzimmer eingeladen. Das Essen selbst viel dafür dann umso bescheidener aus. Und dort saßen wir dann und speisten, tauschten Liebeswürdigkeiten aus und heuchelten Interesse. Doch diese Farce gab auch Gelegenheit unsere Vermieter ein wenig näher kennenzulernen, zum Beispiel, dass sie fünf Kinder haben, von denen zwei in den USA leben und dass alle ihre in Bolivien verbliebenen Enkelkinder auf eine deutsche Privatschule gehen. Als Florian und ich von unserem Aymarakurs erzählten berichteten sie, dass sie 15 Jahre lang eine Aymara als Haushälterin gehabt hätten. Eine echte Perle!
„Und?“ fragten wir nach. „Haben sie noch einige Wörter Aymara in Erinnerung?“
„Behalten?“ ist die ungläubige Reaktion. „Wir haben sie nie nach ihrer Sprache gefragt!“
Immerhin sind Aymara und zwei weitere indigene Sprachen neben Spanisch gleichberechtigte Amtssprachen in Bolivien und es gibt auch Bolivianer, die kein Spanisch sprechen.

Diese und noch viele weitere Begegnungen dieser Art bereicherten meine Reise und ließen mich Länder und Leute mehr und mehr verstehen. Doch sie alle hier aufzuzählen, würde eindeutig den Rahmen sprengen. Zum Schluss muss an dieser Stelle aber selbstverständlich noch einmal Gaby erwähnt werden, die Mutter aller Herbergsmütter, der am besten ein eigenes Buch gewidmet werden sollte. Doch für dieses Mal will ich es bei einem Bild von ihr, stellvertretend für alle guten Seelen, die meinen Weg kreuzten, belassen.

Samstag, 8. Juli 2006

Hurra, hurra...!

Geschrieben am 07. Juli 2006 in Santiago (Chile):

Die Kinder rennen gehetzt durch die Straßen Santiagos. Aus der Vogelperspektive sehen sie aus, wie eine dunkelblaue gallertartige Masse, die sich durch die beinahe menschen- und autoleere Innenstadt schiebt. Vorne aus dem Schwarm hört man Rufe und Arme staken hervor und fuchteln wild. Der Einzeller verändert seine Form und Richtung. Hinter ihm her jagt das kleine, mächtige Grün: Stiefel, Helme, Schlagstöcke, Schilde, Pistolen und Gasmasken. Es liegt nicht nur Panik in der Luft und die Stadt hält den Atem an.

Bis ins ferne, kleine Deutschland sind die Nachrichten von den Protesten der chilenischen Pinguine, wie hier die Schüler aufgrund ihrer Schuluniformen genannt werden, gedrungen. Und in der Tat war vor allem die Disziplin und Besonnenheit, mit der Schülern ihre Proteste organisierten, erstaunlich: Mehrere Wochen lang hielten die Pinguine ihre Schulen besetzt, die sie mit Stühlen und Tischen nach außen hin verbarrikadiert hatten. Jeder Schüler, der seine Schule betreten wollte musste sich ausweisen und wurde registriert. Alles, vom Koch- über den Putzdienst bis hin zur einheitlichen politischen Linie war bis ins kleinste Detail geregelt. Wurden Schulsprecher von Journalisten um Statements gebeten, so wiederholten die Jugendlichen durch die Bank weg die aktuellen Positionen der gewählten, nationalen Schülersprecher. Die Forderungen drehten um eine bessere Ausstattung der Schulen, kostenlose Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln für Schüler und die Abschaffung der Gebühr für die obligatorischen Aufnahmetests der Universitäten.

Mit den Demonstrationen in den Straßen jedoch kamen die Steinewerfer und mit den Steinewerfern die Eskalation. Schon in den Außenbezirken Santiagos hinderten die Carabineros Schüler gewaltsam daran, ins Zentrum zu gelangen. Chilenische Polizisten sind alles andere als zimperlich und der Einsatz von Tränengas war massiv. Atmen, das ist in Santiago ja ohnehin so eine Sache. Doch während der Wochen der Demonstrationen wurden die täglichen Gänge zu einem regelrechten Großangriff auf die Atemwege und die entfesselte Riesenzwiebel verbrüderte sich mit der Käseglocke aus Staub und Abgasen über der Metropole. Die Augen tränen, die Nase juckt und auf der Haut brennt es wie Feuer. Taschentücher und Schirme waren der Verkaufsschlager der ambulanten Händler. In der unterirdischen Metro wurde gar per Lautsprecherdurchsage gebeten, die Fenster der Wagons zu schließen und noch nachts, wenn sich die Straßenschlachten schon längst gelegt hatten, blieb die Luft Gas geschwängert und hie und da tat das eine oder andere Pfützchen aus Kondensat sein Übriges. Wie erst mag es sein, wenn man direkt mit Tränengas beschossen wird? Wasserwerfer, Gas, schreiende Schüler, aggressive Polizisten und kein Durchkommen gehörten dieser Tage zu meinem Alltag, doch in den spannendsten Momenten hatte ich nie meine Kamera dabei.

Chiles Schüler lernen gerade „Demokratie“, eine gute und wichtige Unterrichtseinheit der Jugend einer Gesellschaft, von der sich noch vor 17 Jahren - bei freien Wahlen - unglaubliche 48% für das Regime Pinochets ausgesprochen haben. Wie in Bolivien auch, so ist die ungerechte Verteilung der Einkommen eines der Hauptprobleme. Chile belegt Rang zwölf auf der Hitliste der Länder mit ungleicher Einkommensverteilung (am ungerechtesten werden die Einkommen in Namibia [Platz 1] und am gleichmäßigsten in Dänemark [Platz 124] verteilt; Deutschland belegt Platz 110). Chiles Schüler wehren sich nicht nur gegen die gesellschaftlichen Probleme, die daraus resultieren (die Universitäten in Chile sind bis auf eine alle privat), sondern auch gegen das konstitutionelle Erbe der Militärregierung. Kurz bevor General Augusto Pinochet sein Amt niederlegte, erließ er ein Gesetz, das besagt, dass jede Änderung des Bildungssystems eine Verfassungsänderung darstellt. Und so ist es bis heute, soll beispielsweise beschlossen werden, dass der offizielle Unterrichtsbeginn eine halbe Stunde später sein soll, so muss dafür die chilenische Verfassung geändert werden.

Immerhin haben die Schüler einiges erreicht: Es wurde eine Kommission zur Reform des Bildungssystems eingesetzt, der Staat gibt mehr Stipendien für die Uni-Aufnahmetests aus und die Gültigkeit des Schüler-Tickets ist auch ausgeweitet worden. Die Schulen sind ordnungsgemäß übergeben worden, der Unterricht läuft weiter und das Leben in Santiago geht wieder seinen ungeregelten Gang.

Donnerstag, 29. Juni 2006

Atmen - muss man machen... kann man aber nicht!

Geschrieben am 29. Juni 2006 in Santiago (Chile):

Dies ist der Cerro San Cristóbal, aufgenommen von der Plaza Italia, im Herzen Santiagos, an einem wolkenlosen (!) Morgen mit außergewöhnlicher Smoggbelastung:




Und dies ist Cerro San Cristóbal, aufgenommen von der Plaza Italia, im Herzen Santiagos, an einem wolkenlosen Morgen mit durchschnittlicher Smoggbelastung:


Auch das Gelbe in dem Einschnitt zwischen den Bäumen ist keine Wolke, sondern die Inkarnation der zweitdreckigsten Luft der Welt (nach der von Mexiko Stadt). Zur Plaza Italia laufe ich von meiner Wohnung aus keine fünf Minuten und mit der Zuverlässigkeit der telefonischen Zeitansage ereilt mich an der Plaza Italia stets der erste Hustenanfall. Ein Gedanke, den ich bei diesen Gelegenheiten mit Vorliebe verdränge ist der, dass ich, wenn ich dort drüben auf dem Hügel stehe und auf die Plaza Italia sehe, sich unter mir ja dieselbe gelbe Suppe ausbreitet... Und überhaupt muss der Smogg für alle Wehwehchen herhalten: der ewige Husten, die verklebten Atemwege, das sich nie lösende Sputum, die schlechte, brennende Haut, die andauernde Abgeschlagenheit, die täglichen Kopfschmerzen, die tägliche Müdigkeit, die Gliederschmerzen, die Beinbrüche, die Tennisarme und das gesamte Unglück dieser Welt!

Allerdings muss ich die Chilenen, auch wenn der Umweltschutz in diesem Land noch in den Kinderschuhen steckt, diesmal in den Schutz nehmen. Die Autos haben zwar nur in der Ausnahme einen Katalysator, dennoch produzieren fünf Millionen Santiaguinos sicherlich nicht so viel Dreck wie beispeilsweise 20 Millionen Buenairesensis. Und doch hat Buenos Aires (wie der Name schon sagt) kein erhebliches Smoggproblem. Santiago liegt unglücklicherweise, wie Mexiko Stadt auch, in einem Talkessel und außerdem ist die Landschaft an sich schon staubig und das Klima extrem trocken. Und wer hat Schuld an dem Ganzen? Ein spanischer Eroberer (natürlich!): Im 16. Jhd. fühlte sich Pedro de Valdivia an diesem Fleckchen Erde zwischen den Hügeln und den zwei Flüssen so sehr an seine Heimat in der Extremadura erinnert, dass er befand, dies sei der rechte Ort, um eine Siedlung zu gründen, soweit die Legende. In Wahrheit befand sich wohl ein Mapuchedorf in der Nähe und Santiago wurde als Bastion zur Eroberung des Landes gegründet. Der Smogg von heute könnte sicherlich verringert werden, wenn die Regierung dementsprechend handeln würde und die Industrie beispielsweise zum Einbau von Filtern verpflichten würde.

Doch auch ohne Frischluft habe ich meinen Spaß!